Rat für Kulturelle Bildung e. V. –
eine starke Allianz für Kulturelle Bildung!

Der Verein „Rat für Kulturelle Bildung e. V.“ mit Geschäftsstelle in Essen wird von einem Stiftungsverbund getragen, dem sieben Stiftungen angehören. Der Zusammenschluss ermöglicht es den Stiftungen, gemeinsam starke Impulse für die Weiterentwicklung und Verankerung Kultureller Bildung auf zwei Ebenen zu geben:

Diskurspolitik - durch den unabhängiger Expertenrat „Rat für Kulturelle Bildung“
Forschung - durch den „Forschungsfonds Kulturelle Bildung“

04.09.2019

Kulturelle Bildung als Stiftungszweck - Interview mit Winfried Kneip

Aktuelles

Winfried Kneip ist Vorstandsmitglied beim Stiftungsverbund Rat für Kulturelle Bildung e. V. und Geschäftsführer der Stiftung Mercator. Ein Gespräch über Digitalisierung als Chance und Herausforderung für die Kulturelle Bildung, das Thema Kulturelle Bildung in Stiftungen und die Expertise, die der Rat in die Arbeit der sieben Stiftungen, die ihn gegründet haben, eingebracht hat.

Winfried Kneip

Wie war 2012, als der Stiftungsverbund Rat für Kulturelle Bildung e. V. gegründet wurde, die bildungspolitische Ausgangslage bei der Kulturellen Bildung?
Das Thema wurde für uns nach PISA – mit seiner Fokussierung auf „Kernfächer“ – und mit einer Bewegung hin zur Ganztagsschule, besonders relevant. Im Ganztag gab es plötzlich viel Platz für Kulturelle Bildung, aber die bildungspolitische Agenda verfügte noch über keine Formate und Abstimmungsprozesse, um gezielt Kulturelle Bildung in guter Qualität an die Schulen zu bringen.

Wie hat sich das Feld der Kulturellen Bildung seitdem weiterentwickelt?
Was allen Akteuren der Kulturellen Bildung gemeinsam gelungen ist: Wir haben es geschafft, Kulturelle Bildung als Instrument, das in einer diversen Gesellschaft jungen Menschen andere Ausdrucksmöglichkeiten bietet als die rein sprachlichen, in die Schule zu bringen – mit hoher Qualität und mit externen Partnern, also Kulturinstitutionen oder freien Künstlern.

Was ist das Besondere an dem Expertengremium Rat für Kulturelle Bildung im Vergleich zu anderen Akteuren im Feld?
Wir wollten Experten, also Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen und Künstler unterschiedlicher Disziplinen, zusammenbringen, um das Feld zu beraten. Die Reflexion über und das Bewusstsein für Qualität sollten so geschärft werden. Aber auch die komplexe Abstimmung unter den Akteuren im Feld der Kulturellen Bildung sollte durch Studienergebnisse mit abgeleiteten Empfehlungen verbessert werden. Dabei ging es nicht nur darum, das „Hohelied der Kulturellen Bildung“ zu singen. Wir wollten die bis dato anerkannte Praxis auch kritisch hinterfragen: Wo ist Kulturelle Bildung auch überschätzt und überfordert? Wir wollten eine weitgehend realistische Einschätzung, was Kulturelle Bildung leisten kann.

Welche Erkenntnisse hat die Ratsarbeit in die Stiftungen eingebracht?
Die Stiftungen haben ganz eindeutig wichtige Anregungen für ihre Programme bekommen. Ganz konkret flossen in unserer Stiftung die Ergebnisse in die Strategie, die Konzepte und die Haltung ein, mit der wir dann zum Beispiel unser Kernprogramm „Kreativpotentiale“ entwickelt haben. Die Ergebnisse der ersten Denkschrift „Alles immer gut“ fanden auch Eingang in politische Empfehlungen zur kulturellen Kinder- und Jugendbildung.

Wie ist das Handlungsfeld Kulturelle Bildung bei der Stiftung Mercator definiert?
Wir haben das Ziel, Kulturelle Bildung als festen Bestandteil des formellen Bildungssystems bis 2025 in allen Bundesländern zu verankern. Wir sind davon überzeugt, dass Kulturelle Bildung kein zufälliges Zusatzthema bleiben kann, sondern ein unverzichtbarer und wesentlicher Teil von Bildung werden muss. Deshalb setzen wir uns dafür ein, dass Kulturelle Bildung ein gleichwertiger Teil allgemeiner Bildung in Schule wird.

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Aufführung im Rahmen des Programms "Kreativpotentiale" der Stiftung Mercator

Welche Projekte hat die Stiftung entwickelt?
Unser großes Kernprogramm für alle 16 Bundesländer sind die „Kreativpotentiale“, mit dem in allen Bundesländern nachhaltige Strukturen für qualitativ hochwertige Kulturelle Bildung geschaffen werden. In Ergänzung dazu haben wir mit der Kulturstiftung des Bundes als Praxisprogramm die „Kulturagenten“ entwickelt, also die Ausbildung und den Einsatz von Mittlern zwischen Schulen und Kulturinstitutionen, welche die Abstimmungsprozesse verbessern und beide Seiten beraten sollen. Zudem gibt es zur Sicherung der inhaltlichen Qualität das Projekt „Kunstlabore“ – eine Art Online-Qualitätshandbuch für einzelne Kunstsparten. 
Der Rat für Kulturelle Bildung e. V. soll neben der Expertise der Ratsmitglieder zu zentralen Fragen auch Wirkungen Kultureller Bildung praktisch erforschen und neues Wissen darüber generieren. Für die wissenschaftliche Fundierung der Diskussion haben wir den „Forschungsfonds Kulturelle Bildung“ ins Leben gerufen und bei der Geschäftsstelle des Rats angesiedelt.

Die „Kreativpotentiale“ haben bereits für elf Bundesländer ganz spezifische Strukturen für Kulturelle Bildung mit der jeweiligen Landespolitik und der Bildungsverwaltung entwickelt – wie laufen solche komplexen, langfristigen Prozesse ab?
Unsere Erfahrung ist: Man braucht ein bis zwei Jahre, um mit den Ländern gemeinsam eine Idee zu entwickeln, die auf ihre Bedarfe passt. Es braucht dann drei Jahre, in denen die Akteure im Land funktionierende Prozesse und Strukturen etablieren. Dann begleiten wir sie weitere drei Jahre zur Vertiefung und haben zudem als „Turbo“ noch eine Dialog-AG ins Leben gerufen, in der sich die Bundesländer untereinander austauschen – was sehr gerne und ausgiebig genutzt wird.

Welche Fragen sollten sich Stiftungen stellen, die sich in Kultureller Bildung engagieren wollen?
Interessierte Stiftungen sollte sich vorher schlau machen, was es in der Region schon gibt und sich mit den anderen Akteuren abstimmen. Dann müssen sie entscheiden, ob sie praktisch vor Ort etwas tun möchten, in der Kommune oder in Schulen, oder ob sie eher auf der strategisch-strukturellen Ebene agieren. Für letzteres braucht man ein Netzwerk von Akteuren in der Kulturellen Bildung in seiner Region und eine Anbindung an die Bildungsadministration und die Ministerien. Hier zu agieren, ohne deren  Bedarf zu kennen, wäre fahrlässig.

Wenn Sie mal Werbung für das Stiftungsthema Kulturelle Bildung machen würden …
Liebend gerne – denn es lohnt sich! Wer mit Kindern und Jugendlichen arbeitet und die Praxis der Kulturellen Bildung fördert, hat die Chance, Bildungsprozesse sehr anschaulich, sinnlich und ästhetisch mitzuerleben – das Thema ist gewinnend. Man kann viel über Kulturelle Bildung fabulieren – wer sie vor Ort erlebt, versteht sofort, was das Besondere daran ist. Auch über den Bereich Teilhabe kann man sich annähern: Kulturelle Bildung ist eine Sprache, die viele soziale Handicaps der Gesellschaft ausgleichen kann, Ausdrucksprobleme überwindet und Teilhabe ermöglicht. Kinder erleben Selbstwirksamkeit, Gestaltungsmöglichkeiten, Freiheit, Lebenskompetenz, Anerkennung.

Unter anderem durch den Digitalpakt Schule rückt das Thema Digitalisierung im Zusammenhang mit Bildung immer stärker in den Fokus – findet das bereits bei Stiftungen Niederschlag?
Noch viel zu wenig. Die Digitalisierung verändert die Rahmenbedingungen von Bildung und Bildungsprozessen deutlich. Wir wollen mit Blick auf Chancengerechtigkeit und Kulturelle Bildung unseren Beitrag leisten – zum Beispiel indem wir Mitglied im gemeinnützigen Verein „Forum Bildung Digitalisierung“ sind. Wir merken, dass selbst dort das Potential Kultureller Bildung für Digitalisierung unterschätzt wird. Ästhetische Aspekte werden bei digitaler Vermittlung noch viel zu wenig berücksichtigt, und es fehlen gute pädagogische Konzepte. Leider wird die Digitalisierung noch nicht als Chance, Ressource und große Herausforderung für die Kulturelle Bildung wahrgenommen.

Hier setzt ja die Denkschrift des Rates, „Alles immer smart. Kulturelle Bildung, Digitalisierung, Schule“ an, die wir im nächsten Kapitel vorstellen …
Ja, das ist eine kluge Grundsatzschrift zum Thema, die große Beachtung gefunden hat und dazu beiträgt, dass das Thema jetzt mehr wahrgenommen wird! Es geht ja um alle Schulfächer: Alles was gestaltet werden soll – zum Beispiel eine Präsentation oder ein Video in einem naturwissenschaftlichen Fach, betrifft Aspekte Kultureller Bildung. Dabei sind ästhetischen Kriterien genügende Überlegungen der Kinder und Jugendlichen vonnöten. Diese Ästhetisierung ist bei ihnen sowieso durch die Apps, die sie bedienen, generisch vorhanden, das wird aber von den Lehrerinnen und Lehrern noch gar nicht wahrgenommen. Dies als Schlüssel zu nutzen und zu reflektieren, um Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler zu stärken, muss die Forderung sein. Stiftungen könnten hier Ansätze und Möglichkeiten aufzeigen.

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Denkschrift des Rates 2019

Welcher Input aus Kultureller Bildung ist für den digitalen Wandel an Schule aus Ihrer Sicht besonders wichtig?
Mit Big Data geht der Trend hin zu Algorithmen, zu Automatisierung, Kontrolle und vermeintlich objektivierter Bewertung, hinter der die Menschen verschwinden. Kulturelle Bildung im Digitalen hat die Chance, den Menschen sichtbar zu machen, ihm eine eigene Qualität zu geben, und die individuellen Aspekte des Menschseins zu erhalten. Ich wünsche mir mehr künstlerische Intelligenz statt Künstlicher Intelligenz – denn durch die Künste lernen wir den Umgang mit dem Unwägbaren, mit dem Unvorhersehbaren auch im Leben - und unsere Entscheidungen ohne Algorithmen selbst zu treffen.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Kulturellen Bildung?
Ich wünsche mir, dass Schulen, die sich für eine der folgenden Optionen bei Kultureller Bildung entscheiden, sich bewusst machen, dass sie nur wirkt, wenn die Qualität im Mittelpunkt steht. Stufe 1: Sie wollen „nur“ Angebote Kultureller Bildung im Ganztag oder in Projektwochen nutzen. Stufe 2: Sie wollen eine kreative Lehr- und Lernkultur etablieren, in der neben qualitativ hochwertigen externen Angeboten in Aufführungen oder Projektwochen auch Elemente Kultureller Bildung in den verschiedenen Fächern umgesetzt werden. Stufe 3: Die Schule entscheidet sich für ein kulturelles Schulprofil, bei dem Kulturelle Bildung maßgeblich für Unterrichtsentwicklung, Organisationsentwicklung und Personalentwicklung ist. Es gibt bereits einige gute Beispiele solcher Kulturschulen. Sie haben eine ansteckende Wirkung – es werden immer mehr.


Dieses Interview erschien zuerst in den "Roten Seiten", einer Fachbeilage des Magazins "Stiftung&Sponsoring". Die komplette Beilage mit dem Thema "Kulturelle Bildung und Digitalisierung" gibt es hier zum Download.