Rat für Kulturelle Bildung e. V. –
eine starke Allianz für Kulturelle Bildung!

Der Verein „Rat für Kulturelle Bildung e. V.“ mit Geschäftsstelle in Essen wird von einem Stiftungsverbund getragen, dem sieben Stiftungen angehören. Der Zusammenschluss ermöglicht es den Stiftungen, gemeinsam starke Impulse für die Weiterentwicklung und Verankerung Kultureller Bildung auf zwei Ebenen zu geben:

Diskurspolitik - durch den unabhängiger Expertenrat „Rat für Kulturelle Bildung“
Forschung - durch den „Forschungsfonds Kulturelle Bildung“

12.08.2019

Mehr Tanz in Schule und Lehre – Interview mit Antje Klinge

Aktuelles

Antje Klinge ist Sportwissenschaftlerin mit einem besonderen Anliegen: der ästhetischen Dimension der Bildung. Sie kommt ihr im Fach Sport, aber auch an Schule insgesamt, zu kurz; ebenso in der Sportlehrerbildung. Deshalb setzt sie sich in der Lehre für sportartübergreifende Themen wie Bewegung, Spiel und Tanz ein und schafft Räume für ästhetische, sinnliche Erfahrungen und ihre gestalterische Verarbeitung.

 

Antje Klinge (©RUB, Marquard)

Seit 2010 ist Antje Klinge Professorin für Sportpädagogik und Sportdidaktik an der Ruhr-Universität Bochum. Dort können Studierende im fakultätsübergreifenden Optionalbereich Konzepte und Praxen Kultureller Bildung kennenlernen. 2007 hat Klinge zudem den Verein „Aktion Tanz – Bundesverband Tanz in Bildung und Gesellschaft“ mitbegründet.


Seit 2013 ist sie Mitglied im Rat für Kulturelle Bildung, dessen Themen und Positionen auch in ihre tägliche Arbeit an der Universität einfließen.
 

Wenn Sie selbst Zuschauerin sind – welche Art von Tanz begeistert Sie besonders?
Antje Klinge: Stücke aus dem zeitgenössischen Tanz, die mich lange beschäftigen und begleiten! Erstmals erging es mir so mit dem Stück „Kontakthof“ von Pina Bausch in den 70ern. Thema war das Geschlechterverhältnis, die Sehnsucht nach Nähe und das oftmals nicht gelingende Zusammenspiel von Mann und Frau. Ich werde diese berauschenden und zugleich bedrückenden Bilder, die plötzlichen Wechsel von spielerischer Leichtigkeit und bedrohlicher Brutalität nicht vergessen.

Freier Tanz statt Wettkampf


Wie haben Sie selbst diese Ausdrucksform erlernt?
Ich hatte in meiner Jugend lange Tennis und Volleyball wettkampfmäßig gespielt, mich aber in den Situationen, in denen es letztlich immer um Sieg oder Niederlage ging, nie so richtig wohl gefühlt. Viel wichtiger war mir dabei das Bewegungsgefühl – und das konnte ich im Tanz viel besser ausleben. Im Studium haben wir uns und unsere Themen dargestellt – z.B. ein Stück gegen Atomkraft auf der Straße oder ein reines Bewegungsstück, in dem wir verschiedenste Arten des Fallens erprobten und choreografierten. Uns wurden von der Dozentin keine Bewegungsnormen vorgegeben. So sehe ich auch meine Lehre: Jeder hat seinen eigenen Spielraum, den er entdecken und für eigene Themen und Ausdrucksformen entwickeln kann.

    
Antje Klinge in ihrem Büro an der Ruhr-Universität Bochum und in dem mit
Lieblingsfotos der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gestalteten Aufenthaltsraum.
 

Wie konnten Sie diese Form von Tanz dann in Lehre und Schule einbringen?
Ich bekam an der Universität Düsseldorf die Chance, Seminare für Lehramtsstudierende anzubieten. Vorher in meiner Referendarszeit an der Schule war der freiere Umgang mit Bewegung schwieriger; Tanz ist Bestandteil von Schulsport und als solcher verpflichtend. Für die Schüler*innen war das kein „Sport“ – denn es ging nicht um Wettkampf, sondern um Wahrnehmungserfahrungen, Improvisation und Gestaltung. Und das sind völlig andere, ungewohnte Perspektiven des Sich-Bewegens. Auch spricht das Notengeben gegen die Freiheit, die ich damit verbinde. Diese Situation ist bis heute weder in der Universität noch an den Schulen gelöst.

Woran liegt das?
Es gibt keine messbaren, objektiven Kriterien, nach denen Tanz benotet werden kann und die für alle Beteiligten eindeutig sind. Wir greifen stattdessen auf qualitative Kriterien zurück, die aus den vielen Möglichkeiten im Umgang mit dem Körper – dem Raum, der Zeit und Kraft, der Gruppe, den Materialien, der Musik oder einem Thema – abgeleitet werden. Die Bewertungsgrundlage ist dabei nicht der soziale Vergleich, sondern die individuelle Fähigkeitsentwicklung und Leistung. Entscheidend ist, dass diese Kriterien im Unterricht erarbeitet und transparent gemacht werden und die Schüler*innen damit eine Art Handwerkszeug erwerben, mit dem sie schließlich ihre Kompositionen entwickeln können. Was dann eine 1, 2 oder 3 ist, hängt davon ab, wie gut oder besser: stimmig die Kriterien umgesetzt werden. Das muss sehr gut vorbereitet werden und verlangt einiges von den Lehrkräften.

Man kann Tanz benoten


Gibt es hier schon Vorbilder und Orientierung?
Es gibt didaktische Konzepte, aber zum Thema Benotung gibt es leider so gut wie nichts. Es kann nur benotet werden, was vorher im Unterricht als Gütemaßstab für eine gelungene Gestaltung entwickelt wurde. Und diese Maßstäbe bzw. Kriterien müssen mit jeder Lerngruppe neu kommuniziert werden. Wer sich hier weiter informieren will, dem kann ich empfehlen, Kontakt mit dem Bundesverband Aktion Tanz aufzunehmen.

Wie sieht es mit Tanz an Ganztagsschulen und an Schulen mit kulturellem Profil aus?
Da gibt es schon gute Konzepte – Kulturschulen haben beispielsweise Kulturelle Bildung, und damit auch den Tanz in ihrem Gesamtkonzept verankert. An Ganztagsschulen arbeiten häufig freie Künstlerinnen und Künstler aus dem zeitgenössischen, experimentellen Tanz, die für ihre Sache brennen und wissen, was sie tun. Leider entstehen auch hier Hürden, da der Auftraggeber oder auch die Schule am Ende einen „Erfolg“ sehen will – ob das die Anzahl der Teilnehmenden oder eine publikumswirksame Aufführung ist. Eigentlich geht es jedoch um den Lernprozess und welche (Selbst-) Erfahrungen die Kinder gemacht haben.

 
Beispiel für Tanz an Schulen, aus einem „Chance Tanz“-Projekt, aus dem Programm „Kultur macht stark. Bündnisse für Bildung“. Szenen aus dem Stück „Aus-Zeit“ (2019). Foto: V. Beushausen
 

Gibt es auch problematische Seiten am Tanzunterricht in Schule, sollte er freiwillig sein?
Es ist schwierig, alle zum Tanz zu verpflichten, da Tanz etwas sehr Persönliches, auch Intimes, das man nicht zeigen will, bedeuten kann. Besser wäre, wenn verschiedene kulturelle Angebote, ob Theater, Tanz, Musikunterricht, Film/Video, Kunst, Literatur etc., als Wahlpflicht im Rahmen eines Bereichs, den man Kulturelle Bildung nennen könnte, verankert wären und die Kinder bzw. Jugendlichen, nach einem Schnupperkurs, sich für einen Schwerpunkt entscheiden können.

Bei all den Schwierigkeiten – was ist trotzdem ihr Plädoyer für Tanz an Schule?
Ich bin überzeugt: Wer sich mit Tanz beschäftigt hat und etwas darin für sich findet, der weiß besser über sich Bescheid, traut sich mehr zu, ist selbstbestimmter und auch sozialverantwortlicher. Er weiß: Ich kann etwas selbst gestalten, ich habe keine Angst, auf die Suche zu gehen, mit etwas noch Unfertigem umzugehen. Ich mache mit, ich bestimme mit, was ja auch ein Aspekt politischer Bildung ist! Tanz sollte diesen Raum für Selbst- und Mitbestimmung eröffnen und jedem zugänglich machen.

Sinnliche Erfahrungen sind wesentlicher Teil des Lernens


Und bei der Lehrerausbildung: Was gewinnen die Studierenden durch Tanz und Kulturelle Bildung?
Wir kennen alle die Verkopfung des Lernens, das Verwertungsdenken. Es ist keine Zeit mehr da für ein ästhetisch-sinnliches, haptisches Lernen. Wir bieten hier in Bochum kleine Praxiseinheiten für die Studierenden an, in denen sie sinnliche Erfahrungen machen können. Unsere Module im Bereich Kulturelle Bildung sind Einstiege in erfahrungsorientiertes Lernen. Sie liegen quer zu den Fächern, weil die künftigen Lehrkräfte auch Multiplikator*innen sind, die nicht nur in ihren Fächern unterrichten, sondern Schule auch innovativ weiterentwickeln sollen.


Studierende im Modul Kulturelle Bildung an der Ruhr-Universität Bochum: Der Mensch lernt nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit dem Körper. Nur so kann er die verschiedenen Eindrücke, die die Welt ihm bietet, mit allen Sinnen wahrnehmen.
Mehr zu Antje Klinges Seminaren
 

Welche Parallelen gibt es zwischen Kunst und Sport?
Sport und Kunst verbindet die ästhetische Dimension. Ich sehe drei Parallelen. Erstens: die sinnliche Dimension. Ich nehme mich und die Welt durch meinen Körper wahr. Zweitens: Sport wie Kunst haben eine ludische, spielerische Dimension. Beide eröffnen Experimentier- und Proberäume, damit auch einen gewissen Schonraum, in dem ich so tun und handeln kann „als ob“.
Drittens verbindet beide eine expressive Dimension, eine Form von (Selbst-) Darstellung, ob bei den Olympischen Spielen, der Leichtathletik-WM oder in kleineren Nischen, Bewegungsszenen wie dem Skating, Breakdancen oder BMX-Fahren. Hier zeigt sich auch ein Lifestyle, der nicht selten sexuell aufgeladen ist.

Was bedeutet der Rat für Kulturelle Bildung für Ihre Arbeit?
Ich kann vieles aus der Ratsarbeit in meine Arbeit einfließen lassen wie auch umgekehrt. Als ich vor fast sieben Jahren gefragt wurde, ob ich mitmachen möchte, dachte ich: Genau dafür will ich mich einsetzen – für die Qualitätssicherung und strukturelle Verankerung Kultureller Bildung in der universitären Lehre. Mir liegt dabei vor allem die Lehrer*innenbildung am Herzen.

Die jüngste Studie des Expertenrates „Jugend/YouTube/Kulturelle Bildung“ belegt unter anderem, dass Jugendliche sich von Tanzvideos anregen lassen, selbst zu tanzen …
Ja, sie zeigt, dass in der ganzen Breite der Jugendlichen – Jungen wie Mädchen – ein unheimlich großes Interesse an Tanz da ist und sie anfangen, die Clips der Stars zu Hause nachzumachen oder in einer Freizeiteinrichtung einzustudieren. Kulturelle Bildungsangebote sollten dieses vorhandene Interesse aufgreifen und Anregungen für eigene Bewegungsideen und Choreografien bieten!

Digitalisierung eröffnet neue Dimensionen
 

Kann Digitalisierung innovative Ansätze für den Tanz liefern?
Ja, kann sie. Allerdings müssen wir die derzeitige Phase der Fokussierung auf Technik, der Ausstattung mit Hardware, überwinden, um die noch unentdeckten Möglichkeiten im Umgang mit den Medien zu entdecken. Wir entwickeln hier an der Universität gerade, im Rahmen der Qualitätsoffensive Lehrerbildung, einem BMBF-Förderprogramm, das Virtual-Reality-Projekt #ErweiterteRealitäten.

Welche neuen Perspektiven und virtuellen Räume untersuchen Sie dabei?
Wir schauen uns aus drei Perspektiven an, wie der Umgang mit dem Körper und der Bewegung im Virtuellen Raum ist.
Erstens beobachten wir aus sportdidaktischer Perspektive, wie man in VR-Spielen Bewegungsabläufe üben kann, etwa für das Tischtennisspielen. Wir fragen: Ist dieses Bewegungslernen für den klassischen Sportunterricht nutzbar? Können Schüler*innen zum Beispiel mit der VR-Brille auch zuhause üben, allein, zu zweit oder zu dritt in einem Virtuellen Raum?
Die zweite Perspektive ist eine bewegungspädagogische: Welche Chancen bietet der Virtuelle Raum für Menschen mit körperlichen oder sinnlichen Beeinträchtigungen – kann man alternative Erfahrungsräume simulieren? Kann ich trotz einer Beeinträchtigung beispielsweise die Erfahrung des Kletterns oder Tieftauchens machen?
Die dritte Perspektive ist eine künstlerische – es geht um Bewegungskonstruktionen im virtuellen Raum oder virtuelle Kunstwerke als Bewegungsanlass. Wir fragen: Wie kann man mit Mitteln des zeitgenössischen Tanzes den virtuellen Raum nutzen? Den gesamten Körper einbeziehen, Bewegungen verändern und gestalten, allein oder auch mit anderen zusammen.


Antje Klinge mit VR-Brille für das aktuelle Projekt zu Körper und Bewegung im
Virtuellen Raum an der Ruhr-Universität Bochum.
 

Können Sie abschließend Beispiele für neue digitale Zugänge an Theatern und in der Tanzszene nennen?
Ja, bei der Bauhaus-Eröffnung Anfang des Jahres gab es eine virtuelle Choreografie von Richard Siegal: Als Zuschauer war man per VR-Brille Teil der Tanzperformance „Das Totale Tanz Theater“. Da kommt man in eine ganz andere Dimension, das ist schon revolutionär.
Im März gab es im Tanzhaus NRW das Festival „Hi, Robot“, bei dem das Verhältnis von Mensch und Maschine mit den Mitteln des Tanzes im Mittelpunkt tänzerischer Diskurse stand.
In Dortmund startet gerade die Akademie für Theater und Digitalität. Es passiert eine ganze Menge, auch an den Theatern. Man kann nur hoffen, dass die Öffentlichkeit auch geduldig genug ist, wenn noch nicht alles gleich perfekt ist. Diese Entwicklung braucht noch Zeit.

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Dr. Antje Klinge ist Professorin für Sportpädagogik und Sportdidaktik an der Fakultät für Sportwissenschaft der Ruhr-Universität Bochum.

Interview als PDF

Die Fragen stellte Alexandra Hahn,
Kommunikationsmanagerin beim Rat für Kulturelle Bildung e. V.

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