Rat für Kulturelle Bildung e. V. –
eine starke Allianz für Kulturelle Bildung!

Der Verein „Rat für Kulturelle Bildung e. V.“ mit Geschäftsstelle in Essen wird von einem Stiftungsverbund getragen, dem sieben Stiftungen angehören. Der Zusammenschluss ermöglicht es den Stiftungen, gemeinsam starke Impulse für die Weiterentwicklung und Verankerung Kultureller Bildung auf zwei Ebenen zu geben: Diskurspolitik (unabhängiger Expertenrat „Rat für Kulturelle Bildung“), und Forschung („Forschungsfonds Kulturelle Bildung“).

07.08.2019

Aktuelle Beiträge zur Studie „Jugend/YouTube/Kulturelle Bildung“

Aktuelles

In einer Serie von Interviews vertiefen wir hier die Ergebnisse der Studie sowie die daraus folgenden Empfehlungen, und wollen zum Diskurs beitragen.

Das vierte Kurzinterview führten wir mit Dr. Nils Weichert, Geschäftsführender Vorstand des Forum Bildung Digitalisierung e. V.

Dr. Nils Weichert

Dr. Nils Weichert (©PDera)

Der Verein „Forum Bildung Digitalisierung“ ist seit 2017 ein wichtiger Akteur, der den digitalen Wandel im Bildungs-bereich gestalten und vorantreiben möchte. Er wird von mehreren Stiftungen getragen. Im vierten Kurz-Interview anlässlich unserer YouTube-Studie fragten wir den Geschäftsführenden Vorstand und Bildungsexperten Dr. Nils Weichert, wie er Webvideos und die Plattform YouTube im Kontext einer zeitgemäßen Bildung einschätzt.
 

Inwieweit unterstützen Webvideos das Gesamtvorhaben zeitgemäße Bildung und digitaler Wandel?
Webvideos sind zur Lernunterstützung großartig, insbesondere im Hinblick auf Bildungsgerechtigkeit. Wer beim Lernstoff in der Schule nicht mitkommt oder weiterführende Informationen möchte, kann sich später noch einmal ein Erklärvideo ansehen. Dem eigenen Lerntempo auf diese Weise Rechnung tragen zu können, ist wichtig für ein zeitgemäßes Verständnis von Bildung, kann aber nur ein erster Schritt sein. Wichtig sind ganzheitliche pädagogische Konzepte, um individualisiertes Lernen mit digitalen, multimedialen Technologien innerhalb des Fachunterrichts zu verankern.

Sehen Sie auch Alternativen zur Plattform YouTube?
YouTube ist die beliebteste Online-Videoplattform. Aber natürlich gibt es Alternativen. Darüber zu informieren und den Einsatz im Sinne kritischer Mediennutzung abzuwägen, sollte Bestandteil der Überlegungen zur jeweiligen Unterrichtsgestaltung sein - von den interaktiven Videos der Khan Academy bis hin zu den Formaten der OER (Open Educational Resources) im Medienportal der Siemens Stiftung. Eine kurze Übersicht zu weiteren OER gibt es beispielsweise in einem Video der Bundeszentrale für politische Bildung. Lehrkräfte können fächerspezifisch nach Material in allen Formaten suchen und dieses ohne Probleme nutzen, weiterentwickeln und auch wieder zur Verfügung stellen, je nach Lizenzangabe.

Welche Vorteile sehen Sie für die Schülerinnen und Schüler beim Lernen mit YouTube Videos? Und was können Lehrkräfte daraus für ihren Unterricht mitnehmen?
Bildung findet nicht nur mit fachspezifischem Schulunterricht statt. Schülerinnen und Schüler können unabhängig vom Lehrplan eigene Interessen vertiefen, an unterschiedlichen Orten üben und Neues kennenlernen.
Was Lehrkräfte für ihren Unterricht mitnehmen können, zeigt sich in den Antworten der befragten Jugendlichen in der YouTube-Studie des Rates für Kulturelle Bildung: Videos sind anschaulich und motivierend und die Inhalte leicht zu verstehen. Idealerweise kann das auch der Fachunterricht. Hierfür braucht es vor allem eine Unterstützung der Lehrkräfte bei der Erstellung von Medienkonzepten.

Welche Kompetenzen brauchen Schülerinnen und Schüler, um Webvideos verantwortungsvoll nutzen zu können?
Vor allem braucht es die Fähigkeit zur Reflexion. Was sehe ich mir im Internet an? Wie viele Stunden konsumiere ich nur, und wann lerne ich etwas? Wichtig ist: Schülerinnen und Schüler brauchen Orientierung und ein Gefühl für die Relevanz von Themen sowie spürbare Lernerfolge. Deshalb ist nicht die Technik, sondern das pädagogische Konzept ausschlaggebend. Schülerinnen und Schüler müssen als mündige Mitglieder der Gesellschaft in die Lage versetzt werden, Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung abzuschätzen. Aufgabe der Lehrkräfte ist es, die Lebensrealität der Schülerinnen und Schüler in den Unterricht einzubeziehen und sich auch mit kritischen Fragen zur Nutzung digitaler Medien auseinanderzusetzen.

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Kurzinterview mit Dr. Kristina Hasenpflug, Geschäftsführerin der Deutsche Bank Stiftung

Die im Juni erschienene Studie "Jugend/YouTube/Kulturelle Bildung. Horizont 2019" erhielt große Aufmerksamkeit - ermöglicht wurde sie durch Mittel des Stiftungsverbundes Rat für Kulturelle Bildung e. V. sowie durch eine zusätzliche Förderung der Deutsche Bank Stiftung, der PwC-Stiftung, der Robert Bosch Stiftung GmbH und der Stiftung Mercator. Wir fragten Dr. Kristina Hasenpflug, Geschäftsführerin der Deutsche Bank Stiftung, was Stiftungen besonders an dem Thema interessiert.

Welche Erkenntnisse der Studie sind aus Stiftungsperspektive besonders interessant?
Es ist die Diskrepanz zwischen der gelebten Realität der Jugendlichen, was das Nutzen digitaler Lernorte betrifft, und der aktuellen Berücksichtigung dieser Lernplattformen durch die Schulen. Zudem ist es zwar nicht überraschend, aber dennoch relevant, dass die Empfehlung von Videos vor allem in den Peer-Groups bzw. Freundes- und Bekanntenkreisen stattfindet. Das ist wichtig, wenn wir in Zukunft bei der Konzeption von Förderprojekten entscheiden, welche Vermittlungswege berücksichtigt werden.Zudem ist für uns interessant, dass sich Jugendliche eine stärkere Reflexion in der Schule über digitale Inhalte und eine Einbindung von Webvideos wünschen. Ihr Lern- und Nutzungsverhalten als Zielgruppe spielt auch für die Konzeption von Lehrmaterialien und die Weiterbildung von Lehrenden bei der Nutzung digitaler Medien im Unterricht eine Rolle.

Warum ist das Thema der Studie aus Ihrer Sicht derzeit besonders gesellschaftsrelevant?
Die Bildungslandschaft steht seit langem vor der finanziellen und strukturellen Herausforderung, die Auswirkungen der Digitalisierung zeitnah in ihren Bildungskonzepten zu berücksichtigen. Mit dem Digitalpakt Schule ist zwar ein erster wichtiger Schritt getan, vor allem was die technische Infrastruktur betrifft. Allerdings gibt es immer noch eine enorme Diskrepanz zwischen der gelebten Anwendung durch die Schülerinnen und Schüler sowie der Ausbildung einer Digitalkompetenz durch die Bildungsinstitutionen.
Die Studie hat diesen Bedarf der Synchronisierung der Abläufe noch einmal deutlich gemacht. Jugendliche nutzen Online-Plattformen längst selbstverständlich und selbstständig als Lernmedium. Allerdings findet kaum Steuerung von Lerninhalten an diesen digitalen Lernorten durch die Bildungsinstitutionen statt.
In einem ersten Schritt sollten die Schulen viel stärker dabei unterstützt werden, Schülerinnen und Schülern zu vermitteln, Inhalte kritisch einordnen und reflektieren zu können. Und in einem zweiten Schritt könnten digitale Lernplattformen in Zukunft noch intensiver bei der Unterrichtsvermittlung genutzt und bespielt werden, um eigene Lerninhalte zu erstellen und so zur Entwicklung von Qualitätsstandards beizutragen.

Kulturelle Bildung ist ein wesentlicher Förderschwerpunkt in der Deutsche Bank Stiftung. Warum engagiert sich die Stiftung stark in diesem Themenfeld?
Zugang zu Kultur bedeutet letztlich auch gesellschaftliche Teilhabe. Zudem nimmt die Förderung junger Menschen einen großen Stellenwert in der Deutsche Bank Stiftung ein. Es ist uns ein Anliegen, Kinder und Jugendlichen sowie gesellschaftlichen Gruppen, die einen erschwerten oder keinen Zugang zu Kulturangeboten haben, dabei zu unterstützen, am kulturellen Leben teilzunehmen und sich mit Kunst und Kultur inhaltlich auseinanderzusetzen.

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Kurzinterview mit Matthias Pannes, Bundesgeschäftsführer des Verbandes deutscher Musikschulen (VdM)

Der Verband deutscher Musikschulen hat das Thema Digitalisierung auf seiner Hauptarbeitstagung 2018 zum Schwerpunktthema erklärt. Dabei geht es ihm vor allem um Musikschulstrukturen und die Weiterbildung seiner Lehrkräfte. Der VdM forderte Anfang 2019 zudem gemeinsam mit Volkshochschulen, Bibliotheken und Kommunalen Spitzenverbänden Bund und Länder auf, den DigitalPakt Schule für die digitale Entwicklung der kommunalen Bildungseinrichtungen weiterzudenken.

Das ist auch eine Empfehlung, die der Rat für Kulturelle Bildung aus den Ergebnissen seiner aktuellen Studie "Jugend/YouTube/Kulturelle Bildung. Horizont 2019" ableitet. Dort ergab sich, dass 46% der YouTube nutzenden Schüler damit für den Musikunterricht lernen, 35% nutzen die Videos für AGs wie Chor oder Schulband.

Wo stehen die öffentlichen Musikschulen aktuell beim Thema Digitalisierung, welche Pläne gibt es von Seiten Ihres Verbands?
Der VdM hat 2018 drei Arbeitsgruppen zu den für die öffentlichen Musikschulen wichtigen Bereichen Unterricht, Management und Kommunikation eingesetzt, die in diesem Jahr ihre Arbeit aufgenommen haben. Ziel ist die zeitgemäße Aufstellung von Musikschulstrukturen sowie die Unterstützung der Lehrkräfte und natürlich der Schüler bei der Erschließung hybrider Angebotsformen im Unterricht.

Wie nutzen Musiklehrer bereits digitale Tools?
Es gibt schon zahlreiche Nutzungsvarianten von Apps, angefangen von basalen Hilfsmitteln wie Stimmgerät, Metronom, playalongs, über Tutorials, Skype-Unterricht und Webinar-gestützten Vermittlungsformen bis zu den kreativen Bereichen von Sound-Design, Arrangement und Komposition, die im Musikschulbereich Anwendung finden. Jetzt geht es um Erfassung, Systematisierung und Qualitätsbeschreibung.

Welche Chancen und Risiken sehen Sie beim audiovisuellen Lernen mit YouTube-Videos?
Wie in der analogen Welt entscheiden auch in der digitalen Umgebung Grundsätze von Qualität und Professionalität über Nützlichkeit und Wirksamkeit. Eine Chance ist sicher, dass Musik hier sofort verfügbar ist und neu und anders erschlossen werden kann. Risiken sehe ich in fehlenden Standards zur Qualitätsdefinition und -erkennung von YouTube-Videos, die über technische Qualität hinausgehen und inhaltliche Qualität beschreiben.

Was lernt man im Unterricht, was sich (heute noch) nicht digital vermitteln lässt?
Vergleichsmöglichkeiten, Zusatz- und Hintergrundinformationen, Querbezüge und viele andere Wege, sich Musik zu nähern und sie zu durchdringen, werden durch audiovisuelle Lernangebote unterstützt. Sie ersetzen aber kein pädagogisches Setting, in dem die besondere Qualität liegt, auf Schülerinnen und Schüler individuell einzugehen und sie in ihrer Lernbiografie kontinuierlich zu begleiten, damit Wahrnehmungsfähigkeit und Sensibilität, Gestaltungs- und Ausdrucksvermögen, die Erfahrung von Selbstwirksamkeit und das Zusammenspiel mit anderen und viele weitere Faktoren gelingenden Wachsens mit Musik zur Entfaltung und zur Geltung kommen können.

Was wünschen Sie sich, um bei dem Thema voranzukommen?
Im DigitalPakt Schule des Bundes mit den Ländern wurde die Priorität auf die Ausstattung in den allgemein bildenden Schulen gelegt. Dies war zwar jetzt erforderlich, greift aber insgesamt wesentlich zu kurz. Auch außerhalb von Schule müssen Kinder und Jugendliche in der zunehmend hybriden Bildungslandschaft ein Angebot vorfinden und nutzen können, das ihnen zeitgemäßes Lernen und Aneignen von Welt ermöglicht - in unserem Fall der Musikschulen also der Welt der Musik. Aus dem unabweisbaren Bedarf zur digitalen Entwicklung der kommunalen Bildungseinrichtungen heraus haben wir deshalb eine Forderung an die Bundesregierung, an die Fraktionen im Bundestag und an die Ministerpräsidenten der Länder gerichtet, künftig auch Mittel aus dem oder zusätzlich zum DigitalPakt Schule hierfür zur Verfügung zu stellen.

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Kurzinterview mit Mario Müller, Vorsitzender des Bundesverbandes der Freien Musikschulen e.V. (bdmf)

Mario Müller hält das Thema Digitalisierung aktuell für eines der wichtigsten in seinem Musikschulverband. Als Besitzer einer eigenen Musikschule in Bonn-Beuel ist er nah an den Bedarfen und Wünschen seiner Schüler und Lehrkräfte dran und bezieht bereits das Lernen mit Videos und Lern-Apps in den Unterricht ein. Der Verband mit Sitz in Berlin sieht sich als Dachverband aller Musikschulen in freier und privater Trägerschaft. Die Studie des Rates für Kulturelle Bildung "Jugend/YouTube/Kulturelle Bildung. Horizont 2019" wurde dem Verband kürzlich vorgestellt.
 

Wo stehen die freien Musikschulen aktuell beim Thema Digitalisierung, welche Pläne gibt es von Seiten Ihres Verbands?
Mario Müller: Da die Digitalisierung sowohl die Verwaltung als auch den Unterricht einer Musikschule betrifft, ist dieses Thema sehr komplex. Der Bundesverband der Freien Musikschule gibt Musikschulen seit circa zwei Jahren die Möglichkeit, sich auf diversen Veranstaltungen zu diesem Thema zu informieren und plant auch weitere Schulungen und Symposien.

Inwieweit sind YouTube-Videos aus Ihrer Sicht hilfreich für Musikschüler und -lehrer?
Viele Schulen bieten bereits Tutorials für ihre Schüler, damit sie das Erlernte zuhause vertiefen können. YouTube kann so eine sinnvolle Ergänzung zum "normalen" Musikunterricht sein.

Was macht den Unterricht in der Musikschule, was das audiovisuelle Lernen mit Videos aus?
Der Unterricht kann mit Videos und Lern-Apps deutlich an Attraktivität gewinnen. Auch der Musikunterricht muss sich der Zeit anpassen, um weiter für Kinder und Jugendliche interessant zu sein. Das audiovisuelle Lernen spricht sehr gut alle Sinne des Menschen an. So kann das Lernen z.B. von Noten oder Musiktheorie leichter fallen und interessanter gestaltet werden. Ersetzen kann es allerdings nicht den Unterricht mit seinen Interaktionsmöglichkeiten und sozialen Komponenten.

Inwieweit sind die Ergebnisse aus der Studie "Jugend, YouTube, Kulturelle Bildung" des Rates für Kulturelle Bildung für Sie hilfreich?
Die Studienergebnisse geben einen guten Kompass, wohin sich der Musikunterricht entwickeln kann und auch sollte. Das Medienverhalten von Kindern und Jugendlichen ist für die Gestaltung des Unterrichts von großer Bedeutung. Durch neue Interessen und Herangehensweisen an das Thema Musik wird es in Musikschulen zukünftig mit Sicherheit auch neue Unterrichtsformate geben.

Was wünschen Sie sich, um bei dem Thema voranzukommen?
Die Umsetzung einer "digitalen Musikschule" kann nicht von heute auf morgen passieren. Digitalisierung um jeden Preis und ohne ausgereiftes Konzept macht keinen Sinn. Wir müssen nun einiges ausprobieren, dann in Arbeitsgruppen sammeln und erörtern, und dann unseren Musikschulen präsentieren. Der bdfm steckt gerade genau in diesem Prozess. Einige Musikschulen sind bei der Digitalisierung bereits sehr weit, und davon können andere Schulen profitieren.

Zur Studie "Jugend, YouTube, Kulturelle Bildung"