Rat für Kulturelle Bildung e. V. –
eine starke Allianz für Kulturelle Bildung!

Der Verein „Rat für Kulturelle Bildung e. V.“ mit Geschäftsstelle in Essen wird von einem Stiftungsverbund getragen, dem sieben Stiftungen angehören. Der Zusammenschluss ermöglicht es den Stiftungen, gemeinsam starke Impulse für die Weiterentwicklung und Verankerung Kultureller Bildung auf zwei Ebenen zu geben:

Diskurspolitik - durch den unabhängiger Expertenrat „Rat für Kulturelle Bildung“
Forschung - durch den „Forschungsfonds Kulturelle Bildung“

02.03.2021

„Theater ist mehr als Szenen spielen“

Aktuelles

Wie Theater-AGs Persönlichkeitseigenschaften von Schülerinnen und Schülern fördern können, untersucht ein Forschungsprojekt des "Forschungsfonds Kulturelle Bildung"

 

Interview mit Prof. Dr. Carola Surkamp zu ersten Zwischenergebnissen aus dem Forschungsprojekt „Bühne frei: Schulische Bildungsangebote im Bereich Darstellendes Spiel und ihre Wirkung auf die Persönlichkeitsentwicklung“

Carola Surkamp

 

Die Lehrer*innenbildung gehört zu den wichtigen Säulen der Georg-August-Universität Göttingen. Hier betreuen Prof. Dr. Sascha Schroeder (Pädagogische Psychologie) und Prof. Dr. Carola Surkamp (Fachdidaktik Englisch) gemeinsam mit Rebecca Langer und Andreas Wirag seit 2018 das Forschungsprojekt „Bühne frei!“. Teil des Projekts ist die Untersuchung einer englischsprachigen Theater-AG, in der Lehramtsstudierende über ein Schulhalbjahr hinweg ein Theaterstück mit Schülerinnen und Schülern erarbeiten und vor Publikum aufführen. Die Theater-AG stellt eine Kooperation mit der Göttinger Integrierten Gesamtschule Georg-Christoph-Lichtenberg dar, die über ein gut entwickeltes kulturell-ästhetisches Profil mit einem Schwerpunkt im Bereich Theater verfügt. Ihr innovatives Schulkonzept hat Modellcharakter und erhielt 2011 den Deutschen Schulpreis.

Das dreieinhalbjährige Forschungsprojekt (2018-22) untersucht die Wirksamkeitspotenziale theaterbezogener Bildungsangebote hinsichtlich psychosozialer Kompetenzen und schaut sich dafür u.a. die Effekte von einzelnen Phasen und Elementen des Darstellenden Spiels auf die Persönlichkeitsentwicklung von Lernenden an. Am Ende wird auch ein Leitfaden zu den Gelingensbedingungen der Theaterarbeit in AGs für Schulen erarbeitet. Gefördert wird das Projekt von der Stiftung Mercator im Rahmen des Forschungsfonds Kulturelle Bildung. Von ersten Zwischenergebnissen berichtet Carola Surkamp im Interview.

 

Ihr Forschungsteam erlebt gerade hautnah mit, wie sich die Corona-Pandemie auf AGs an Schulen auswirkt. Wie ist aktuell die Situation an der Integrierten Gesamtschule in Göttingen, an der Sie forschen – wie finden dort AGs noch statt, falls überhaupt?
Carola Surkamp: Die nachmittags stattfindenden Theater-AGs drohten aus ganz praktischen Gründen schon im November/Dezember 2020 wegzufallen, denn die Schulkantine durfte nicht geöffnet bleiben, sodass die Schüler*innen früher Schulschluss hatten. Wir konnten es aber in enger Zusammenarbeit mit der Schule organisieren, dass sich die Schüler*innen aus der von uns beforschten Theater-AG anders verpflegen und erst einmal freiwillig weitermachen – bis zum strengeren Lockdown seit kurz vor Weihnachten.

Wie wurde die Englisch-Theater-AG unter dem milden Lockdown weitergeführt?
Dem Hygienekonzept der Schule entsprechend – mit größerem Abstand, aber auch mit mehr Einzelcoachings und Sprachübungen. Die Vertrauensübungen zum Anfang der AG hatten zum Glück schon stattgefunden. Dass die Schüler*innen freiwillig weitergemacht haben, zeigt ihre große Motivation. Es war nur schade, dass in diesem letzten Durchgang keine Aufführung mehr stattfinden konnte. Als Ersatz hatten die Studierenden aber die schon geprobten Szenen aufgezeichnet und daraus einen Film für die Schüler*innen gemacht.

Und aktuell weicht die AG ins Digitale aus?
Ja, das streben wir an, sollten die Schulen weiterhin nur Distanz- oder Wechselunterricht anbieten dürfen. Die Lehramtsstudierenden haben ihr Vorbereitungsseminar für die Theater-AG-Leitung im Wintersemester 2020/21 ja auch schon digital erlebt. Zudem gab es für sie einen Workshop, in dem auch gezeigt wurde, wie man das Theaterspiel digital umsetzen kann. Da ist aufgrund der besonderen Situation derzeit sehr viel im Entstehen. Schüler*innen können mit Lehrkräften auch in einer Videokonferenz an ihren Rollen arbeiten: Man kann mit Requisiten spielen, sich den gleichen Hintergrund für ein passendes Setting geben, überlegen, welche Körpersprache zu einer Figur passt …

 

Verzahnung von Theorie und Praxis für Lehramtsstudierende

 

Die Leitung der Theater-AGs liegt bei Ihren Lehramtsstudierenden – denn zwischen der Universität Göttingen und der Georg-Christoph-Lichtenberg-Schule gibt es eine besondere Kooperation …
Es gibt diese Kooperation, damit die Englisch-Theater-AGs regelmäßig an der Schule angeboten werden können. Die Studierenden besuchen bei uns einen speziellen Kurs im Master of Education, in dem sie die theoretischen Grundlagen und Methoden der Theater- und Projektarbeit kennenlernen: Wie inszeniert man ein englischsprachiges Stück mit Schüler*innen, wie kann man so ein halbjähriges Projekt organisieren, wie kann man die einzelnen Sitzungen gestalten, wie arbeitet man an Rollen, wie kommt es dann hinterher zu einer Aufführung? Da es englische Theater-AGs sind, geht es auch um das Sprachliche: Wie kann man Sprechen und Aussprache fördern, wie Intonation und andere paralinguistische Mittel zur Bedeutungsvermittlung einsetzen? Aber auch: Wie kann man neuen Wortschatz erarbeiten und das Hörverstehen ausbauen?


Für die Ausbildung unserer Studierenden ist dabei wichtig, dass sie dies alles nicht nur in der Theorie kennenlernen, sondern danach durch die Leitung einer der Theater-AGs in Zweier- oder Dreierteams auch mit Schüler*innen selbst erproben. Das ermöglicht ein reflektiertes Vorgehen, und die Förderung von Reflexionskompetenz in Bezug auf das eigene pädagogische und didaktische Handeln ist uns in der Lehrer*innenbildung sehr wichtig.

 

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Forschungsteam (v.l.n.r.): Sascha Schroeder, Andreas Wirag, Rebecca Langer, Carola Surkamp

 

Was untersuchen die zwei Teilprojekte in Ihrem Forschungsprojekt „Bühne frei!“?
Das von Sascha Schroeder geleitete Teilprojekt hat bislang rund 400 Schüler*innen dazu befragt, welche kulturellen Angebote sie an der Schule wählen. Dabei wurde auch ihre Persönlichkeitsstruktur einbezogen und nach Korrelationen gesucht: Welche Merkmale haben Teilnehmende von Theaterangeboten in der Schule? Als ein erstes Zwischenergebnis konnte unter anderem festgestellt werden, dass diejenigen Lernenden, die eine Theater-AG wählen, in ihrer Persönlichkeitsstruktur grundsätzlich eine größere Offenheit für Erfahrungen mitbringen und zu 87% weiblich sind. Es gab dagegen keine Hinweise darauf, dass der sozioökonomische Hintergrund bei der Wahl eine Rolle spielt.


In dem von mir geleiteten Teilprojekt fokussieren wir dann konkret auf die Theater-AGs als eines der kulturellen Angebote der Schule und untersuchen in den Jahrgangsstufen 5-8 die Wirkmechanismen einzelner Elemente des Theaterspielens auf die Persönlichkeitseigenschaften der teilnehmenden Schüler*innen.

 

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Rund 400 Schülerinnen und Schüler beantworteten Fragebögen am Computer.
Foto: Rebecca Langer

 

Sie wollen wissen, ob Lernende durch das Theaterspielen kreativer, offener, empathischer, ausdauernder werden oder auch ihre Sprechangst verlieren. Wie untersuchen Sie das?
Es ist wichtig, genau hinzuschauen, was in so einem Theater-Setting alles passiert. Es geht ja nicht nur darum, Szenen zu spielen. Es handelt sich um einen recht komplexen Prozess. Man macht ganz Unterschiedliches: Zunächst lernt man sich durch spielerische Übungen kennen und baut Vertrauen in der Gruppe auf, dann arbeitet man an den Rollen, bevor es an die Umsetzung ganzer Szenen geht. Am Ende jeder AG-Sitzung gibt es zudem eine Reflexionsphase, in der das Spiel noch einmal gemeinsam mit den Lernenden rekapituliert wird. Wir wollen verstehen, welche dieser Strukturelemente welche Auswirkungen haben. Dazu arbeiten wir mit Fragebögen am Ende jeder Sitzung und führen zudem nach Abschluss der gesamten AG Gruppeninterviews mit den Teilnehmenden durch.

 

Wer gerne Theater spielt, ist offener und meistens weiblich

 

Was genau fragen Sie die Schülerinnen und Schüler?
Sie werden zu Beginn der AG gefragt, wie offen, empathisch, kreativ etc. sie schon sind, das sind Grundwerte für die Schüler*innen. In jeder AG-Sitzung schauen wir uns dann an, wie sie diese Eigenschaften jeweils erlebt haben. Im Fragebogen heißt es zum Beispiel: Heute konnte ich mich in andere hineinversetzen, heute habe ich besonders viele eigene Ideen eingebracht, heute war ich motiviert. Außerdem schauen wir uns an, welche Elemente der Theaterarbeit in dieser AG-Sitzung eine besondere Rolle gespielt haben, also Schauspielerei, Reflexion usw. Wenn man diese beiden Informationen kombiniert, kann man Rückschlüsse auf die Auswirkungen der Elemente auf Empathie, Kreativität, Offenheit oder Ausdauer ziehen.

Wieviel Erfahrung bringen die Teilnehmenden in der Regel aus dem Bereich Theater mit?
Die Theater-Erfahrung und das Theater-Interesse wurden in den bisherigen Eingangsfragebögen als relativ hoch angegeben. Wer eine Theater-AG wählt, hat oft schon an Kindertheater oder an entsprechenden Ferienangeboten teilgenommen oder spielt gerne Theater zu Hause. Bei den Älteren waren schon viele vorher in Theater-AGs der jüngeren Jahrgangsstufen.

 

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Englischsprachige Theater-AG für die Jahrgänge 5-8 an der Göttinger Integrierten Gesamtschule. Fotos: Jana Schrader

 

Sie wollen am Ende einen Leitfaden für Schulen zur englischsprachigen Theater-AG-Arbeit entwickeln – was leiten Sie aus den ersten Zwischenergebnissen ab?
Es gibt bereits zwei interessante Ergebnisse. Ein wichtiges Strukturelement bei der Theaterarbeit scheint die reflexive Arbeit am Ende einzelner Sitzungen zu sein: Was ist heute gut gelaufen, was war nicht so gut, welchen Fortschritt sehen wir? Das Reflektieren scheint wichtig für die Entwicklung von Kreativität und Empathie.

Das zweite für uns interessante Ergebnis betrifft das Thema Feedback zu Spiel und Sprache. In vielen Studien liest man recht pauschal, dass Theaterspielen insbesondere das freie, unbefangene Sprechen fördere – aber wenn das Spiel durch Feedback unterbrochen wird, kann dies die Sprechangst sogar erhöhen. Dann fühlten die Teilnehmenden sich beobachtet oder beobachteten sich selbst mehr. Sie hatten beispielsweise Angst, ein Wort beim nächsten Durchgang der Szene wieder falsch auszusprechen. Eine Überlegung besteht aus unserer Sicht also darin, das Feedback eher vom Spiel zu trennen und am Ende einer Probe zu geben. Zudem könnte es eine Rolle spielen, wie die Lehrkraft Feedback gibt, mit welchen Emotionen, welcher Gestik.

 

Zwischenergebnisse zur Reflexionsarbeit und zum Feedbackgeben

 

Wird der Leitfaden auch Hinweise geben, wie man introvertiertere, weniger offene Kinder, mehr Jungen und Kinder mit weniger Theatererfahrung ansprechen kann?
Das wollen wir noch ausarbeiten. Bei diesen Kindern ist sicher eine längere Vorbereitungsphase nötig. Da muss man noch stärker die Bereitschaft entwickeln, sich in eine Rolle hineinzubegeben, und ein Bewusstsein für die eigene Körpersprache schaffen. Um noch mehr Jungen für das Theaterspielen zu interessieren, müsste man noch mal gezielt bei ihnen nachfragen, worin sich ihr Wahlverhalten bei den AGs begründet, welche Vorbehalte oder Vorurteile sie haben.

Kann Theatererfahrung den Schülern und Schülerinnen später auch im Berufsleben helfen?
Ja – das spielt zwar in unserer Studie keine Rolle, aber Persönlichkeitsmerkmale wie Offenheit für neue Erfahrungen und Kreativität, auch um nach Lösungen bei Problemen zu suchen, sind ja im Berufsleben generell wichtige Aspekte, die über das rein Künstlerisch-Ästhetische hinausgehen. Insofern kann man damit durchaus für das Theaterspielen werben!

Was ist Ihre Zukunftsvision, wie man Theaterangebote an mehr Schulen regelmäßig anbieten kann?
Eine stärkere Verankerung in der Ausbildung von Lehrkräften auch jenseits des Fachs ‚Darstellendes Spiel‘ selbst wäre in jedem Fall wichtig – vor allem in Studienfächern, die sprachlich und auch literarisch-künstlerisch orientiert sind, wie Deutsch und die verschiedenen modernen Fremdsprachen. Hier braucht es ein stärkeres Bewusstsein für das Potenzial von Theaterelementen.

Zudem wäre es wichtig, Schulen zu ermutigen, ihr künstlerisches Profil auszubauen. Denn jede*r Schüler*in sollte die Möglichkeit haben, Theaterspiel kennenzulernen und zu erfahren. Auch bei den Studierenden sehen wir: Wer Theaterspielen selbst ausprobiert und ein Projekt in der Praxis umgesetzt hat, wird Theaterelemente später auch eher als Lehrkraft im eigenen Unterricht oder über die Organisation einer Theater-AG einsetzen.
Immerhin: Die Community wächst, auch durch spezielle Studiengänge oder Kooperationsprojekte mit Schulen wie unseres. Am Ende geht es allerdings nicht nur um AGs im Ganztag, sondern auch darum, Theaterelemente als Methode im regulären Unterricht in verschiedenen Fächern zu verankern.

 

Video zu den drei von der Stiftung Mercator geförderten Forschungsprojekten im "Forschungsfonds Kulturelle Bildung"