Rat für Kulturelle Bildung e. V. –
eine starke Allianz für Kulturelle Bildung!

Der Verein „Rat für Kulturelle Bildung e. V.“ mit Geschäftsstelle in Essen wird von einem Stiftungsverbund getragen, dem sieben Stiftungen angehören. Der Zusammenschluss ermöglicht es den Stiftungen, gemeinsam starke Impulse für die Weiterentwicklung und Verankerung Kultureller Bildung auf zwei Ebenen zu geben:

Diskurspolitik - durch den unabhängiger Expertenrat „Rat für Kulturelle Bildung“
Forschung - durch den „Forschungsfonds Kulturelle Bildung“

19.09.2019

Digitalisierung in Schule - Interview mit Vanessa-Isabelle Reinwand-Weiss

Aktuelles

Schulentwicklungsprozesse erfordern Mut!

Der digitale Wandel an Schule braucht Modellschulen und neue Fortbildungsprogramme – Stiftungen können Impulse geben.

Interview mit Vanessa-Isabelle Reinwand-Weiss (Direktorin Bundesakademie für Kulturelle Bildung Wolfenbüttel und Mitglied im Rat für Kulturelle Bildung)

Sie leiten die Bundesakademie für Kulturelle Bildung und haben mit Ihrer Institution bereits Erfahrungen mit Schulentwicklungsprozessen gemacht. Seit 2013 unterstützen Sie Projekte der „kulturellen Schulentwicklung“ im Programm SCHULE:KULTUR! Niedersachsen. Was ist damit gemeint?
Reinwand-Weiss: Kulturelle Schulentwicklung ist nach meinem Verständnis, dass eine Schule nicht nur kulturelle Fächer und Projekte oder AGs anbietet, sondern ästhetische Methoden im Unterricht fächerübergreifend als Lernprinzip etabliert. Dabei werden starre Fächergrenzen, aber auch der klassische Stundenrhythmus von 45 Minuten aufgelöst.


So ein Schulentwicklungsprozess betrifft die ganze Schule.
Ja, das ist ein schwieriges Unterfangen. Das heißt ja auch, dass Lehrer das, was sie all die Jahre tradiert haben, über Bord werfen und ganz neue Wege der Vermittlung gehen. Bei solchen Prozessen muss man in Zehn-Jahres-Schritten denken. Die Schule muss sich dabei auch insgesamt im Sozialraum überlegen, wo sie steht und wen sie als langfristigen Kooperationspartner mit einbezieht, zum Beispiel aus dem Kulturbereich.

Lassen sich Ihre Erfahrungen auf die nun bundesweit anstehende Digitalisierung der Schulen übertragen?
Ja, die Frage ist auch beim digitalen Wandel: Welche Lernkultur stellen wir uns vor? Wie können wir unsere Schüler gut auf die Arbeitswelt vorbereiten? Da kommen automatisch Themen aus unserem Alltag ins Spiel, wie die Digitalisierung und die Arbeitsprozesse, die für das 21. Jahrhundert prognostiziert werden. Für diese werden Problemlösungskompetenz und Empathiefähigkeit benötigt – das muss Schule heute aufgreifen.

Viele Lehrer sind ratlos, wie sie die digitale Technik überhaupt sinnvoll einsetzen können.
Schulen tun gut daran, sich zur Digitalisierung zu positionieren. Das heißt nicht, viele Tablets oder VR-Brillen anzuschaffen, sondern sich im Lehrerkollegium zu fragen: „Wo ist es für unsere Lernkultur sinnvoll, dieses Thema anzugehen und wenn ja, in welcher Form?“ Auf dem Weg sollte man auch die vorhandenen Freiräume sehen, und sich nicht an vermeintlichen Vorschriften festhalten. Das erfordert Mut. Es ist für Schulleiter und Lehrer nicht einfach, so einen Prozess über Jahre voranzutreiben – aber es geht nicht anders!

Können Stiftungen hier noch mehr unterstützen?
Auf jeden Fall. Solche Entwicklungen werden oft von Modellprojekten angestoßen, der Impuls kommt dabei von den Schulen selbst, von Förderern wie Stiftungen sowie von den Ministerien in den Bundesländern. Auch beim digitalen Wandel an Schule, der ein länger andauernder Wandlungsprozess ist, braucht man solche Unterstützungsmaßnahmen. Stiftungen haben schon früher bewiesen, dass sie den notwendigen langen Atem dafür haben.

Wie sollte die Unterstützung von Stiftungen konkret aussehen?
Die kann sowohl finanziell als auch konzeptionell erfolgen. Nehmen wir die Fort- und Weiterbildung als Beispiel: Oft sehen die Akteure in Schule oder Kultur anfangs gar nicht die Notwendigkeit einer Weiterbildung und wollen für etwas, was sie noch nicht einordnen können, kein Geld ausgeben. Wenn neue Qualifizierungsreihen und Modellphasen von Stiftungen finanziert werden, fällt die Teilnahme leichter. Auch für die Konzeption von Weiterbildungsangeboten bei der Digitalisierung ist es gut, verschiedene Perspektiven einzubeziehen, damit wir, die Fortbildungseinrichtungen, auch passende Angebote für die Vermittler machen können.

Es müssen sich sehr viele Lehrer im Bereich Digitalisierung fortbilden – inwieweit sind die Fortbildungseinrichtungen selbst auf diesen Ansturm vorbereitet?
Niemand ist in Deutschland darauf gut vorbereitet. Auch, weil die Erwartungen, was eigentlich vermittelt werden soll, nicht klar sind. Deshalb müssen wir als Fortbildungsinstitution zuerst die unterschiedlichen Erwartungshaltungen von Schulen, Kulturakteuren, Eltern und Politik prüfen, um die Leute da abzuholen, wo sie Angebote gerade brauchen. Unsere Idee als Anbieter aus dem Bereich der Kulturellen Bildung war, Lehrer mit Kulturakteuren gemeinsam fortzubilden.

Haben Sie als Fortbildungsinstitution eine konkrete Forderung an die Politik?
Mein Wunsch ist, dass von politischer Seite Gesamtstrategien unterstützt werden und zusätzliche Angebote der Begleitung, der Entlastung, der Fort- und Weiterbildung gemacht werden können. Ich wünsche mir auch mehr Verständnis, dass diese Prozesse Zeit brauchen. Wenn in drei Jahren das nächste Thema kommen würde, überfordert das die Akteure!

 

Dieses Interview erschien zuerst in den "Roten Seiten", einer Fachbeilage des Magazins "Stiftung&Sponsoring". Die komplette Beilage mit dem Thema "Kulturelle Bildung und Digitalisierung" gibt es hier zum Download.
 

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