Rat für Kulturelle Bildung e. V. –
eine starke Allianz für Kulturelle Bildung!

Der Verein „Rat für Kulturelle Bildung e. V.“ mit Geschäftsstelle in Essen wird von einem Stiftungsverbund getragen, dem sieben Stiftungen angehören. Der Zusammenschluss ermöglicht es den Stiftungen, gemeinsam starke Impulse für die Weiterentwicklung und Verankerung Kultureller Bildung auf zwei Ebenen zu geben:

Diskurspolitik - durch den unabhängiger Expertenrat „Rat für Kulturelle Bildung“
Forschung - durch den „Forschungsfonds Kulturelle Bildung“

15.01.2020

Raus aus der Nerd-Ecke – Interview mit Benjamin Jörissen

Aktuelles

Benjamin Jörissen mag technische Spielereien – seien es wasserspeiende Kunstwerke oder KI-basierte Experimente wie Roboter-Tanz. Seit seiner Jugend interessiert sich der 51-Jährige für Musik mit dem Synthesizer und das Programmieren. Beruflich befasst er sich seit Ende der 90er-Jahre mit digitalen Jugendkulturen, von Counterstrike bis Tik Tok – dabei helfen manchmal auch Unterhaltungen mit seinem Sohn über aktuelle Trends im Netz. Der Erziehungswissenschaftler schaut nicht nur als Pädagoge, sondern auch als Philosoph und Anthropologe auf neue technologische Entwicklungen, und vor allem auf die kulturelle Dimension der Digitalisierung.

Benjamin Jörissen

Seit 2017 ist Jörissen Mitglied im Rat für Kulturelle Bildung und hat die 2019 in der Öffentlichkeit stark beachtete Studie „Jugend/YouTube/Kulturelle Bildung“ angestoßen und maßgeblich mitgestaltet. Er lehrt Pädagogik mit dem Schwerpunkt Kultur und ästhetische Bildung an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und hat hier seit 2019 den UNESCO Chair in Arts and Culture in Education inne. Außerdem ist er einer der beiden Leiter des Metaprojektes „Digitalisierung in der kulturellen Bildung“ im Rahmen einer Förderlinie des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF).

 

Sie haben Erziehungswissenschaften studiert – wollten Sie selbst mal Lehrer werden?
Benjamin Jörissen: Nein, ich habe ursprünglich im Hauptfach Philosophie studiert, mit Germanistik und Erziehungswissenschaften im Nebenfach. Später habe ich gemerkt, dass die Erziehungswissenschaft auch sehr spannende philosophische und anthropologische Fragen bearbeitet und dass sie einen zwingt, die philosophische Theorie auf die Praxisverhältnisse zu beziehen. Das fand ich attraktiv und habe dann die Fächer gewechselt. Ich wollte aber nie Lehrer werden, sondern eine akademische Laufbahn einschlagen.

In Ihrer Dissertation ging es um Neue Medien – wie kam es zu Ihrem Interesse an dem Thema, bis heute?
Ich war schon früh generell technisch interessiert, vor allem im Bereich Musik. Ich bin so eine Art Arbeiterkind und nicht in einem Haus mit Klavier aufgewachsen. Ich habe mich dann milieutypisch für elektronische Orgel interessiert.

Wieso milieutypisch?
Das ist ein Kleinbürgerinstrument: Eine elektronische Orgel ist verfügbarer als ein Klavier, sie ist leiser, also auch in einer Mietwohnung im Mehrfamilienhaus relativ sozialverträglich, und sie hat diese Unterstützungsmechanismen wie eine Begleitautomatik. Das sorgt für eine Schwellensenkung. Man kann auch ohne Unterricht zu nehmen darauf spielen. Das waren damals aber ziemlich teure Teile und da habe mir selbst eine aus Bausätzen zusammengebaut.

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Analoges, 115-Kilo-schweres Relikt aus den 1980er-Jahren: elektronische Orgel in Jörissens Musikzimmer

 

Aha – war das der erste Schritt hin zu Ihrem späteren Interesse an der Digitalisierung?
Ich habe mich immer stark für das Schnittfeld zwischen Musik und Elektronik interessiert. Ich hatte später diverse, auch digitale Synthesizer. Angefangen habe ich mit einem programmierbaren PC, dem Oric 1, damit habe ich bereits Spiele und eigene Schriftsätze programmiert. Als ich berufstätig wurde, in den späten 90ern, kam das World Wide Web als große Neuerung. Es war unschwer zu erkennen, dass es eine große Bedeutung bekommen würde. Die Frage des technisch Anderen hat mich schon immer umgetrieben.

Counterstrike – LAN-Partys als soziale Rituale

 

Worum ging es in Ihren ersten Vorträgen als Erziehungswissenschaftler zur Digitalisierung?
Ich erinnere mich an einen meiner ersten Vorträge 2003 an der Universität Stockholm zu dem Computerspiel Counterstrike. Es gab damals die Killerspieldebatte. Counterstrike ist ein gruppenbasierter Egoshooter: Es treten fünf Terroristen gegen fünf Counter-Terroristen an. Strategisch und taktisch geht es um Skills – es ist ein teamorientiertes, sportähnliches Spiel mit Trainingssessions. Uns im Bereich der Erziehungswissenschaften ging es um die damit verbundenen LAN-Partys, als soziale Rituale. LAN-Partys spielen eine Rolle in pädagogischen Kontexten für Selbstbildungskontexte, in denen ritualisierte Identitätsbildung stattfindet. Wir haben auch untersucht, wie sie Gemeinschaftsbildungsprozesse und Selbstverständnisse hervorbringen.

Waren Sie damit Vorreiter eines wissenschaftlichen Untersuchungsgegenstandes?
Außerhalb der Medienpädagogik ja. Ich habe aber nie erlebt, dass ich als Computer-Nerd belächelt wurde. Die Beschäftigung mit dem Thema wurde anerkannt. Unter den allgemeinen Pädagogen war ich da lange allein, aber am Institut für Erziehungswissenschaft in Magdeburg war ich zur richtigen Zeit in der richtigen Forschungsumgebung der Medienbildung. Ich habe auch nicht nur zu Medien gearbeitet, sondern auch aus dem Blickwinkel der pädagogischen Anthropologie geforscht und publiziert.

Und wie sieht die Forschung zur Digitalisierung in der Pädagogik heute aus?
Heute gibt es die Förderlandschaften. Die Politik, auch die Bildungspolitik, hat mit extremer Verspätung auf die Digitalisierung reagiert. Zehn Jahre früher wäre gut, sieben Jahre früher dringend nötig gewesen. Seit 2015 kam es dafür dann mit Hochdruck. Bei der Kultusministerkonferenz (KMK) gab es ab Ende 2016 die Strategie Bildung in der digitalen Welt. Das BMBF hat neue breite Förderstrategien im Bildungsbereich geplant, 2015 wurde auch die Förderlinie Digitalisierung in der kulturellen Bildung ausgeschrieben. Durch diese massive Förderung ist das Thema jetzt in die Breite gegangen, weil Förderung immer Aufmerksamkeit auf Themen zieht. Das war also auch für die Kulturelle Bildung die richtige Politik.

Digitalisierung: auch direktive Förderinstrumente nötig

 

Hat es also diesen Anstoß aus der Politik für die Forschung gebraucht?
Ja. Man muss sich vor Augen halten, dass der Prozess der Digitalisierung in wahnsinniger Geschwindigkeit und unglaublicher Komplexität in der Breite und Tiefe vonstattengeht. Erst seit 2007 gibt es das erste iPhone. Heute befasst man sich mit Robotik, KI und deep reinforcement learning. Niemand kann das komplett überblicken. Die Digitalisierung ist kulturtheoretisch betrachtet ein einmaliger Prozess. Damit ist eine besondere Lage gegeben, in der solche direktiven Förderinstrumente wichtig sind. Sonst gibt es Trägheitseffekte und es dauert viel zu lange, bis die Wissenschaft auf drängende Fragen reagiert.

Was sind Vor- und Nachteile von staatlichen Förderrichtlinien, wie der des BMBF zur „Digitalisierung in der kulturellen Bildung“, das Sie mitleiten?
Sie sind grundsätzlich hilfreich, weil sie Forschung ermöglichen. Aber dort, wo sie die einzigen Fördermittel sind, sind sie grundsätzlich ambivalent, weil sie gegebenenfalls bestimmte, einseitige Interessen im Blick haben und dann definieren, was getan werden soll. Andererseits helfen sie aber auch, ungewöhnliche Ideen und Risikoforschung zu fördern, für die es sonst keine Gelder gäbe. Diese Programme sind kurz gesagt dort gut, wo es dahinter auch noch eine starke freie, wissenschaftliche Förderstruktur gibt.

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Vortrag von Benjamin Jörissen zum 2017 gestarteten Metaprojekt „Digitalisierung in der kulturellen Bildung“ Foto: Friederike Schönhuth/Red Pony.

 

Sie meinen die Förderstruktur der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) – wie wird hier gefördert?
Sie ist der wissenschaftsgetriebene, selbstorgansierte große Förderbereich. Die Forschungsgemeinschaft bekommt von der Politik Fördergelder und verteilt sie in einer Eigenstruktur aufgrund von gewählten Gutachterinnen und Gutachtern. Alle, die in der Wissenschaft organisiert sind, können Vertreterinnen und Vertreter der Fachbereiche demokratisch wählen. Projekte werden im gemeinsamen gutachterlichen Austausch abgewogen. Hier wird differenziert betrachtet, was die Forschung selbst für wichtig hält. Man kann sagen: Sicher ist kein Fördergeber perfekt, aber diese insgesamt diversifizierte Förderlandschaft in Deutschland ist gut.

Sie sind seit 2017 im Rat für Kulturelle Bildung – wie sehen Sie hier Ihre Rolle?
Ich habe eine doppelte Rolle: Ich bin Allgemeinpädagoge, das hat Tradition im Rat, weil der Zusammenhang von Bildung und Kultur im Zentrum steht. Ich kam aber auch mit der besonderen Aufgabe und Verantwortung dazu, das Thema Digitalisierung zu vertreten und verständlich zu machen und eine andere Perspektive in die Ratsarbeit einzubringen.

Sie haben maßgeblich an der Studie des Expertenrates „Jugend/YouTube/Kulturelle Bildung. Horizont 2019“ mitgewirkt. Auf welche neuen Logiken des Netzes sind Sie da gestoßen, die sich das Feld der Kulturellen Bildung bewusst machen sollte?
Selbstorganisiertes Lernen hat sich verändert, vor allem durch die Dominanz von YouTube. Dort gibt es alternative, nonformale Channels, auf denen Leute anderen etwas zeigen, zum Beispiel im Musik- oder Tanzbereich. Auf Plattformen wie Tik Tok tanzen Jugendliche sich gegenseitig etwas vor, sie zeigen sich Dinge, führen gespielte Witze auf. Es kommt dabei nicht auf die Exaktheit oder Qualität des Tanzens an, sondern darauf, sich auf für andere möglichst wiedererkennbare, anschlussfähige Weise zu aktueller Musik zu bewegen. Oft sind die Bewegungen leicht erlernbar. Es geht um die authentische Performance, nicht um Perfektion. Wir sehen, dass sich ästhetische Praktiken auf andere Weise als in Vor-Internetzeiten in peerorientierten Netzwerken autonom und neu herausbilden. Wir sehen, dass sich Genregrenzen, die für die Bereiche der Kulturellen Bildung sehr feststehen, auflösen.

Mit „Feststehen“ meine ich tatsächlich Gebäude – hier gibt es eine Musikschule, in einem anderen Gebäude eine Tanzschule. Das macht in Bezug auf postdigitale jugendkulturelle Praktiken keinen Sinn. Da gibt es durch Digitalisierung Veränderungen in den Logiken.

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Gitarre lernen mit YouTube-Videos: ein Thema in der Studie „Jugend/YouTube/Kulturelle Bildung. Horizont 2019“.
Download

 

Manche Jugendliche kommen für ihre ästhetische Bildung offenbar auch ohne diese physischen Orte gut aus…
„Bildung“ bedeutet, in aktiver Auseinandersetzung ein Verhältnis zur Welt und zu sich selbst zu gewinnen und zu verändern. Dazu bedarf es nicht immer pädagogischer Eingriffe. In dem Sinne ist das Kulturelle Bildung, die wir im Netz finden. Es geht um ästhetische Praktiken, die sich auf kulturelle Muster und Formen beziehen. Man lernt etwas Neues dazu und positioniert sich zu den kulturellen Möglichkeiten der globalen Jugendkultur. Man eignet sich das wie eine Sprache an.

Was kann die Kulturelle Bildung – als System und Handlungspraxis – tun für eine digitale Souveränität der Jugendlichen?
Was die organisierte Bildung bei so einem Megathema tun kann, wird oft auf drei Faktoren zugespitzt: E-Learning, Medienkompetenz – die sich bezieht auf Medienschutz und Medienhandeln – sowie informatische Bildung. Aber das greift zu kurz bei der Komplexität des Themas. Kulturelle Bildung kann dazu beitragen, dass ästhetische Praktiken in der postdigitalen Kultur auch mit ästhetischen Mitteln und Zugängen reflektiert werden können. Informatische Bildung allein kann diese wichtigen Zugänge nicht bereitstellen.

Die technische Seite gehörte schon immer zur Kultur dazu

 

Die Möglichkeiten, im Netz kreativ zu werden, sprechen Jugendliche besonders an, wie auch die Studie des Rates gezeigt hat.
Ja, unsere YouTube-Studie hat gezeigt, dass die Webvideos Jugendliche zu kulturellen Aktivitäten stark anregen. Umgekehrt kann Kreativität auch eine Brücke bauen zur Technik. Denn Technik hat nicht nur etwas mit Maschinenkraft oder Ingenieurskunst zu tun, sie ist etwas Anthropologisches, das uns im gesamten Menschwerdungsprozess begleitet hat. Wir haben uns dazu immer auch kreativ und künstlerisch in Bezug gesetzt.

Wie müsste die Kulturelle Bildung sich selbst verändern, um den digitalen Wandel mitgestalten zu können?
Das Feld der Kulturellen Bildung hat sich historisch immer schon gewandelt. Anfang des 19. Jahrhunderts kam beispielsweise die Kunstpädagogik dazu, in den 60er-, 70er-Jahren kam die Medienpädagogik dazu – das Feld kann sich also ändern …

Aber ...?
Naja, es gibt tradierte künstlerische Arbeitsfelder, zum Beispiel das Theater. Der Bühnenraum repräsentiert eine eigene Medialität, ein materiell-mediales Gefüge. Wenn man in so ein Gefüge das Digitale mit seinen eigenen medialen Logiken hineinbringt, dann hat man auf der Strukturebene so etwas wie ein konkurrentes Element, eine Irritation. Das ist für die Kulturelle Bildung oft ein Problem. Und die Menschen, die am Theater arbeiten, machen es, weil sie genau diese materielle Medialität lieben, und nicht die digitalen Medialitäten. Sie wollen oft lieber eine Alternative dazu sein als ein Teil davon.

Ein anderer Punkt ist die sehr tradierte Vorstellung von Seiten der Eltern, deren Kind zum Beispiel in die Musikschule geht. Sie wollen, dass das Kind vorm Weihnachtsbaum Blockflöte spielt und nicht selbst erstellte Soundscapes und Loops mit „merkwürdigen digitalen Musikmachdingen“ vorführt. Das sind Trägheitseffekte, die Innovationen schwer machen. Dafür müssen wir forschungsbasierte Modelle schaffen, die den Künsten und Institutionen Wege aufzeigen, wie sie sinnvoll an die Transformation in den digitalen Jugendkulturen anschließen können.

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„Merkwürdige digitale Musikmachdinge“ erforscht Jörissen im BMBF-Projekt „Musikalische Interface-Designs“. Mit Software und loop-orientierten Kompositionsplattformen kann man live Musik machen – auch zu Weihnachten.

 

Wie können solche Modelle aussehen?
Wie die Forschungserkenntnisse von der Praxis umgesetzt werden können, dazu werden wir in unserem Meta-Vorhaben zur „Digitalisierung in der kulturellen Bildung“ Transfer-Modelle erarbeiten. Meiner Meinung nach brauchen wir auch neue Akteure, die das Feld der Kulturellen Bildung bereichern können: alles, was mit der Makerszene zu tun hat, mit Indie-Game-Programmierung und anderen neuen Kreativformen, die auch mit informatischen oder softwarebezogenen Mitteln arbeiten …

Bisher hat die Kulturelle Bildung ja zwei Hauptströmungen: eine eher soziokulturelle und eine eher künstlerisch ausgerichtete. Um Digitalisierung in das Feld zu integrieren, bräuchte man einen dritten Ansatz mit einer auch technologisch orientierten Ausrichtung, die aber mit dem Kreativitätsbegriff verbunden ist. Das wäre etwa unter dem Oberbegriff „Design“ denkbar, denn hier liegen Ästhetik und Technik, Kunst und Alltagsleben eng beieinander, wie zum Beispiel das Bauhaus gezeigt hat. Dieser Bereich wird dann spannend, wenn die Kulturelle Bildung ihn für sich reklamiert!

Neue Akteure bereichern das Feld der Kulturellen Bildung

 

Wie sieht das derzeit in der Praxis aus?
Das gibt es so wohl noch nicht. Ein solches drittes Feld wäre im weitesten Sinn mit Kreativindustrie verbunden, die natürlich immer auch Kritik provoziert, aber doch auch spannende und wichtige kulturelle Entwicklungen hervorbringt. Man könnte tradierte und neue Künste institutionell und lokal integrieren, auch handwerklich tradierte Künste und Design.

In der heutigen Jugendkultur verwischen die tradierten Genre-Grenzen zwischen den sogenannten Künsten ohnehin. Schauen Sie nur, wie Theater und Literatur zu „Poetry“, zu neuen „Onstage“-Formen der Jugendkultur verschmelzen, wie im Hip-Hop schon längst Musik, Tanz und visuelle Gestaltung, Körper und Technik, Individuum und Gemeinschaft amalgamiert sind. Wie Gestaltungaspekte im Schnittfeld von Ästhetik, Technik und Ökonomie in Youtube-Videos zusammenkommen.

Leider stehen technikbasierte Entwicklungen trotz unter anderem der jahrelangen Arbeit des Karlsruher Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) noch eher in der Nerd-Ecke. Wir könnten gut einen neuen integralen Ansatz in der Kulturellen Bildung gebrauchen!

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Gut vernetztes Kulturzentrum: In Nürnberg versammelt die „Kulturwerkstatt Auf AEG“ Institutionen wie ein Kulturbüro, die Musikschule, den KinderKunstRaum, die Akademie für Schultheater und performative Bildung und das Centro Español e.V. Foto: Dina Springhart/Stadt Nürnberg.

 

Was würde so ein Ansatz von Kultureller Bildung für ihre allgemeine Wertschätzung bedeuten?
Zielgruppenspezifisch gesprochen: Sicherlich wird die Bildungspolitik die Kreativ- und Innovationspotenziale so einer Kulturellen Bildung schätzen, die Zivilgesellschaft ihre kulturell integrativen und inkludierenden Potenziale, und jugendliche Zielgruppen wären, wie wir mittlerweile auch empirisch bestätigt bekommen, dankbar für etwas mehr pädagogische Orientierung hinsichtlich ihrer komplizierten, durchgehend ästhetisierten digitalen Lebenswelten.

Allerdings: Die Frage der allgemeinen Wertschätzung ist eine schwierige, denn ich sehe durchaus kein übergreifendes, allgemeines Muster in der Wahrnehmung Kultureller Bildung über die verschiedenen Akteure, Bevölkerungsgruppen oder Generationen hinweg. Wie alle Studien immer wieder zeigen, hängt die Wahrnehmung von Kultur und Kultureller Bildung extrem stark von habituellen Dispositionen ab. Was den einen trivial erscheint, ist den anderen bereits zu abgehoben. Was den einen sinnvoll, weil nützlich, erscheint, ist den anderen ein Graus, weil es die Künste funktionalisiert, und so fort. Man muss die Kulturelle Bildung daher eigentlich immer sowohl gegen ihre Liebhaber als auch Verächter verteidigen.

Wo sehen Sie weitere Zukunftsaufgaben für die Kulturelle Bildung?
In postmigrantischen und im weitesten Sinne postkolonialen Perspektiven. Die Kulturelle Bildung sollte sich unbedingt systematischer damit auseinandersetzen. Die Bereitschaft ist da, aber wir haben wenig Übersicht über vorhandene Fortschritte.

Angesichts der anstehenden Kulturkämpfe und Versuche, die Uhr in – übrigens so nicht existierende und romantisierte – nationale Vergangenheiten zurückzudrehen, stehen wir in einer historischen Verantwortung. Dies gilt beispielsweise im Hinblick auf antisemitische Strömungen, die sich in allen gesellschaftlichen Schichten wieder breitmachen. Grundsätzlich ist zu fragen, ob und inwieweit die gestaltenden Akteure in den Institutionen der Kulturellen Bildung der pluralen Realität unserer Migrationsgesellschaft entsprechen. Ein wichtiges Thema ist daher, wie Menschen mit Migrationshintergründen, zum Beispiel auch deutsche „People of Color“, einfacher mit festen Stellen in der Kulturellen Bildung Fuß fassen können – nicht nur auf Kurzzeitprojektstellen oder, schlimmer noch, im Kontext von „Tokenismus“, symbolischen Zugeständnissen und Alibi-Logiken. Da muss der Kulturbereich nachlegen.

Wir brauchen dazu wohl einen Kulturbegriff, der die Vielfalt der in der Bundesrepublik versammelten Tradierungen und der Geschichten, die zu erzählen sind, aufgreift; der aber auch Widersprüche, Paradoxien und Konfliktlinien nicht falsch harmonisiert.

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Prof. Dr. Benjamin Jörissen ist Inhaber des Lehrstuhls für Pädagogik mit dem Schwerpunkt Kultur, ästhetische Bildung und Erziehung an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.
 

Interview als PDF

 

Die Fragen stellte Alexandra Hahn,
Kommunikationsmanagerin beim Rat für Kulturelle Bildung e. V.

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