Rat für Kulturelle Bildung e. V. –
eine starke Allianz für Kulturelle Bildung!

Der Verein „Rat für Kulturelle Bildung e. V.“ mit Geschäftsstelle in Essen wird von einem Stiftungsverbund getragen, dem sieben Stiftungen angehören. Der Zusammenschluss ermöglicht es den Stiftungen, gemeinsam starke Impulse für die Weiterentwicklung und Verankerung Kultureller Bildung auf zwei Ebenen zu geben:

Diskurspolitik - durch den unabhängiger Expertenrat „Rat für Kulturelle Bildung“
Forschung - durch den „Forschungsfonds Kulturelle Bildung“

02.04.2020

Momentaufnahmen: (#2) „Vorprogrammierte Medien beschwingen“

Aktuelles

Nach dem technischen Einrichten und erstem Austausch mit vielen Kolleginnen und Kollegen seit dem Corona-Shutdown geht es nun ans Anpassen von Konzepten und Erproben neuer Tools und Methoden, auch in unserer Geschäftsstelle. Zudem berichten drei unserer Ratsmitglieder aus ihren momentanen Umstellungsprozessen und ersten Einsichten.

Diemut Schilling

Diemut Schilling, Professorin für Zeichnung und Druckgrafik an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft:

„Erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier … - schlussendlich sitze ich vor 30 kleinen animierten Briefmarken, verteilt auf zwei Seiten des Anbieters "Zoom", zwei Seiten, zwischen denen ich mich ab und zu entscheiden muss, als stünde ich im Kreis und die Hälfte der Studierenden säße immer in meinem Rücken. Echter Blickkontakt ist via Internet ja generell unmöglich. Hier in der Gruppe steigert sich nun die Unverbindlichkeit, da keiner der Anwesenden mehr meinen Blick als einen wirklich persönlichen deuten kann. So schaue ich in die Leere und gleichzeitig alle an; das könnte auch das aufkommende Gefühl begründen, dass ich sehr bei mir selbst bin. Fast wie ein Monolog gegen gleißende Bühnenscheinwerfer. Ein Resümee nach dem ersten Tag: Für ein Blockseminar zum Thema „Freihandzeichnen“ scheint dieses sprachbetonte Medium nach der ersten Runde denkbar ungeeignet.

Es muss eine neue Idee her. Was fehlt diesem Medium im Vergleich zu einem gemeinsamen Arbeiten im Atelier? Der Zufall. Das informelle Moment. Kommunikation auf Zuruf, Störungen, Spontanität. Also auf in die zweite Runde: Jetzt strapazieren wir das Internet gründlich. Alle Teilnehmer bleiben acht Stunden online, es ist eine Mischung aus Big Brother und Blick in die Fenster des gegenüberliegenden Hauses, denn nun ist in jedem der kleinen Fenster etwas anderes zu sehen. Hier spielt einer Gitarre, dort sitzt man zu zweit beieinander, mancher Raum ist leer oder man wird Zeuge einer Fahrrad-Reparatur. Dazwischen allerdings wird intensiv gezeichnet und nun finden die Gespräche statt, die ich in der ersten Runde vermisst habe. Gespräche über künstlerische Techniken, gestalterische Kriterien, Tipps zu kreativen Lösungen, Zweifel und Gefühle werden untereinander sensibel kommuniziert. Jetzt allerdings ist Abgrenzung gefragt, um nicht den ganzen Tag akustisch bombardiert zu werden. Jeder muss sich als DJ an seinem Rechner betätigen: Mache ich das Mikrofon an, mache ich es aus? Wie steht es mit der Kamera? Möchte ich gesehen werden? Möchte ich den Anderen lauschen, oder nur ab und zu einen Blick auf ihr Tun werfen? Alle diese Fragen setzen eine Selbstverortung voraus, die ihrerseits Übung erfordert.

Es bleibt anstrengend, aber es fühlt sich schon besser an. Eine weitere Feinjustage: Das kreative Pausenzeichen. Der leere Schreibtischstuhl wird nun sukzessive ersetzt durch ein Stillleben, einen handgeschriebenen Satz, ein Goldfischglas. Kommunikation ist auch durch Bilder möglich, nun macht es Spaß, das eine oder andere Pausen-Statement aufzurufen, in den Chat eine kleine Frage zu stellen, über die wieder neue Konversation entsteht. Die erste Woche scheint geglückt, doch kein Tag ohne die Frage, ob es nicht besser geht, ob man das Medium nicht erweitern, bezwingen oder beschwingen kann. Es scheint, als müssten wir in diesen Tagen uns selber in Lichtgeschwindigkeit besser kennen lernen, um den vorprogrammierten Mitteln das abzutrotzen, was wir brauchen und was uns tatsächlich verbindet.“

 

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Sandra Czerwonka, Wissenschaftliche Referentin in der Geschäftsstelle Rat für Kulturelle Bildung e. V., die gerade mit dem Expertenrat eine Handreichung zur Bildungspolitik vorbereitet:

„In der Geschäftsstelle werden derzeit drei Handreichungen zur Kulturellen Bildung vorbereitet, die sich nacheinander an die Ressorts Bildungs-, Jugend- und Kulturpolitik wenden. Politik und Verwaltung sollen nach Auffassung des Expertenrates dafür sorgen, dass das öffentliche Gut Kultur für Kinder und Jugendliche, Bürgerinnen und Bürger verfügbar ist und bleibt. Doch mit der Verfügbarkeit ist es gerade generell etwas schwierig.

Die bildungspolitische Handreichung beschäftigt sich mit dem Kulturort Schule. Nun sind die Schulen wie viele Orte im Ausnahmezustand und können zahlreiche Funktionen, mit oder ohne Kultur, nicht erfüllen. Der dezentrale, digital gestützte, improvisierte Heimunterricht setzt sich als normative Kraft des Faktischen gegen alle erdenklichen Lehrkonzepte durch.

Wenn wir die erste Handreichung zum Kulturort Schule herausgeben, können die Schulen gerade wieder aufgemacht, sich komplett gewandelt haben oder längst im Alltag angekommen sein. Wie wird in der Zwischenzeit der Kulturort Schule – aber auch die vielen anderen Orte der Kultur- und kulturellen Bildungslandschaft – in den eigenen vier Wänden, und ohne physischen Kontakt außerhalb des eigenen Haushalts, kompensiert? Wie wirkt sich der aus der Not geborene technisch-organisatorische Entwicklungsschub auf ästhetische Erfahrung und Praxis aus? In welchem Zustand werden Schulen sich in einem halben Jahr befinden? Diese Fragen geben der geplanten Handreichung einen neuen Kontext und eine neue Richtung.”

 

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Jürgen Schupp, Sozialwissenschaftler am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und Professor für Soziologie an der FU Berlin

„Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in der Mohrenstraße ist zwar nicht geschlossen, so dass eine Präsenz am Institut möglich wäre. Aber bis zum 5. April wurden vorübergehende Kontaktbeschränkungen erlassen, so dass nahezu das gesamte Zusammenarbeiten in den Abteilungen in Video- und Telefonkonferenzen und aus dem Home-Office erfolgt. Innerhalb des Teams der Längsschnittstudie Sozio-oekonomisches Panel (SOEP) am DIW Berlin waren die Aktivitäten in den letzten Wochen auch ausgesprochen intensiv. So wurde in Windeseile ein Antrag auf den Weg gebracht, um eine nachgelagerte Befragung bei bereits seit vielen Jahren befragten Teilnehmenden auf den Weg zu bringen.

In einem telefonischen Interview werden seit dem 30. März rund 10.000 Personen, die seit mehreren Jahren an der Langzeitstudie teilnehmen, nach ihrem derzeitigen Alltag während der Corona-Pandemie befragt, der bei vielen Personen tiefgreifend eingeschränkt ist und die Lebenssituation in Privathaushalten sehr verändert hat.

Aber auch als Hochschullehrer an der Freien Universität beginnt der um eine Woche verzögerte Start des Sommersemesters mit einer Herausforderung. Es gilt nun, mein geplantes Seminar in einer vollständig digitalisierten Weise zu planen. Hierzu erfolgt diese Woche für alle Lehrenden am Institut für Soziologie eine Einweisung in die bereitgestellte Videokonferenzplattform, um zumindest auf diese Weise Kontakt mit den Studierenden pflegen zu können und um möglichst flexibel sowohl Studien- als auch Studienabschlussmöglichkeiten zu schaffen.”

 

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Lydia Grün, Professorin für Musikvermittlung an der Hochschule für Musik Detmold und gerade heimgekehrt vom „BTHVN-Musikfrachter 2020“:

„Ich habe miterlebt, wie innerhalb von Stunden per SMS gekündigt und abgesagt wurde. Künstler*innen und Akteur*innen in der Kulturellen Bildung stehen auf einen Schlag vor dem Nichts. Wer nun erfährt, dass ganze Tourneen abgesagt werden, dem brechen die geplanten Einnahmen für Monate weg. Die Stimmung ist überaus hektisch – das geht an die Substanz. Und dann erlebe ich bei manchen auch eine komplett andere Seite. Gerade Künstler*innen, die im Tourgeschäft sehr eingebunden waren, erfahren nun eine komplette Entschleunigung.

Diese beiden Pole gab es im Kulturleben schon immer: Das Projektgeschäft mit aller Flexibilität und Hochrisiko auf der einen und die abgesicherten Institutionen auf der anderen Seite. In dieser Krise tritt die Bipolarität der Kulturszene nun extrem deutlich zutage.“ Das ganze Interview dazu bei  aufruhr-magazin.