Rat für Kulturelle Bildung e. V. –
eine starke Allianz für Kulturelle Bildung!

Der Verein „Rat für Kulturelle Bildung e. V.“ mit Geschäftsstelle in Essen wird von einem Stiftungsverbund getragen, dem sieben Stiftungen angehören. Der Zusammenschluss ermöglicht es den Stiftungen, gemeinsam starke Impulse für die Weiterentwicklung und Verankerung Kultureller Bildung auf zwei Ebenen zu geben:

Diskurspolitik - durch den unabhängiger Expertenrat „Rat für Kulturelle Bildung“
Forschung - durch den „Forschungsfonds Kulturelle Bildung“

15.10.2019

Literaturvermittlung braucht Kontinuität – Interview mit Florian Höllerer

Aktuelles

Florian Höllerer, 51, verbindet eine lange Geschichte mit Literaturhäusern: Dreizehn Jahre lang leitete er das 2001 neu gegründete Literaturhaus Stuttgart, und seit 2014 ist er Leiter an Deutschlands erstem Literaturhaus, dem Literarischen Colloquium Berlin (LCB). In der Gründerzeitvilla mit großem Garten gehen seit 1963 Autorinnen und Autoren ein und aus – wie schon Max Frisch, Ingeborg Bachmann oder Umberto Eco. Es ist ein Ort, an dem Literatur gefördert und präsentiert wird und in längeren Arbeitsaufenthalten auch entsteht.

© Tobias Bohm

Höllerer studierte Romanistik und Germanistik in Berlin und Paris. Seit 2012 ist er Honorarprofessor an der Universität Stuttgart sowie Mitglied im Rat für Kulturelle Bildung.
Besonders am Herzen liegen ihm der Literaturunterricht in Schulen und die Frage, wie diese mit Bibliotheken kooperieren können, gerade vor dem Hintergrund der Digitalisierung bei neuen Angebotsformen in der Leseförderung.
 

Was macht das LCB und was hat sich unter Ihrer Leitung seit 2014 verändert?
Florian Höllerer: Das LCB bleibt sich treu, indem es sich seit über 50 Jahren ständig verändert. Wir sind einerseits stark in der Berliner Literaturszene verankert. Andererseits agieren wir weit über die Grenzen Berlins hinaus mit zahlreichen Kooperationspartnern hierzulande wie im Ausland. Das Haus vereint sehr Unterschiedliches: ein internationales Residenzhaus, zwei große Internetportale – literaturport.de und dichterlesen.net – ein vielseitiges Veranstaltungsprogramm vom Werkstattgespräch bis zum Open-Air-Festival sowie Literaturförderung. Die große Herausforderung für mich war, diese verschiedenen Aktivitäten stärker ineinandergreifen zu lassen.

Ist das gelungen?
Es muss mit jedem Projekt immer wieder neu gelingen und neu gedacht werden. Im Sommer nutzen wir verstärkt unseren großen Garten für Festivalsoder Leseparcours mit bis zu 2 000 Gästen. Hier bringen wir die Künste,die Wissenschaften und die Gesellschaft miteinander ins Gespräch, wie diesenSommer beispielsweise bei der dreitägigen Veranstaltung „Rewritingthe Map“ zu geteilten Städten. Stadtplaner und Künstler aus Mostar, Belfast,Nikosia und Berlin kamen zusammen, begleitet wurde das von Konzertenund Werkstätten im Haus und im Garten.
 

Sich ganz auf Buch, Stimme, Sprache konzentrieren
 

Folgen Sie mit den Großveranstaltungen einem Trend?
Sicher geht eine Tendenz dahin, stärker spartenübergreifend zusammenzuarbeiten. Ein anderer Trend geht zurück zur puren Lesung, also dahin, sich ganz auf das Buch, die Stimme und die Sprache zu konzentrieren. Für uns ist wichtig, vor allem in unserem Kernbereich, der Literatur, stark zu sein. Nur so können wir auch für Kooperationspartner und damit neue Besuchergruppen interessant sein und Grenzen überschreiten.

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In der Gründerzeitvilla mit großem Garten bietet das LCB im Sommer große, vielstimmige Veranstaltungen. © LCB_Fest Verlage / © LCB_Tobias Bohm


Haben Sie weitere Träume, Ziele für das LCB?
Das hört natürlich nie auf. Gerade bauen wir ein alternatives Nachrichtenportal auf, „LCB diplomatique“ (lcb-diplomatique.net, ab 28.10.19). Wir befragen dabei unser Netzwerk aus Autorinnen und Autoren, Übersetzerinnen und Übersetzern sowie Hausgästen aus aller Welt zu aktuellen gesellschaftspolitischen Themen und bitten um kurze Seitenblicke auf Alltagszustände. Auch auf Instagram werden wir damit aktiv.

Werden auch Lesungen digital aufbereitet?
Seit 2015 betreiben wir mit dichterlesen.net ein Online-Tonarchiv, in dem Audio-Aufnahmen literarischer Veranstaltungen kostenfrei zum Nachhören angeboten werden. Die Idee ist, Literatur nicht nur als Schriftstücke aufzubewahren, sondern auch in Tonformaten, zum Beispiel Lesungen. So entsteht eine Art Literaturgeschichte der Lesung. Wir machen das derzeit in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Literaturarchiv Marbach (DLA), den Literaturhäusern in Basel und Stuttgart sowie dem Lyrik Kabinett in München.

Vor 2014 haben Sie das Literaturhaus Stuttgart geleitet – was macht Literaturhäuser aus?
Stuttgart war 2001 eine Neugründung inmitten einer Gründungswelle von Literaturhäusern landauf, landab. Das LCB gab es schon vor dieser Bewegung. Das Berliner Literaturhaus entstand in den 80er-Jahren zuerst. Dann setzte sich das in anderen Großstädten fort. Das Stuttgarter Literaturhausfolgte dem eingeführten Modell mit Veranstaltungsräumen, Restaurant und Buchhandlung als ein Begegnungsort, der in die Stadt wirkt, auf Augenhöhe mit Theatern oder Kinos. Mit der Zeit entwickelte sich zusätzlich zu den Abendveranstaltungen ein großes Programm zu Kultureller Bildung, das dem Haus auch tagsüber eine Funktion gab. Inzwischen hat sich das Haus zu einem Fortbildungszentrum für Lehrerinnen und Lehrer in ganz Baden-Württemberg entwickelt.


Literaturvermittlung: noch Luft nach oben


Welche Rolle spielt Kulturelle Bildung in den Literaturhäusern?
Da sucht jedes Haus seinen eigenen Weg. Inzwischen gibt es keines mehr, daskein Angebot Kultureller Bildung oder ein Kinder- bzw. Jugendprogramm hat.Das Jugendprojekt des LCB und des Deutschen Übersetzerfonds heißt „Echtabsolut“ – ein Novalis-Zitat – und ermutigt literarische Übersetzerinnen undÜbersetzer bundesweit zur Arbeit mit Jugendlichen. In Stuttgart ging es dagegen um literarisches Schreiben im Deutschunterricht und welche RolleAutorinnen und Autoren dabei spielen können. Generell nimmt die Literaturvermittlungvon unterschiedlichsten Seiten Fahrt auf, aber im Vergleich zuanderen Sparten ist da noch Luft nach oben.

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Florian Höllerer im Gespräch mit Autorin Antje Rávik Strubel und bei einer Sitzung des Expertenrates 2016.
© Reiner Mnich / © RfKB


Wer fühlt sich sonst noch zuständig für Literaturvermittlung und Leseförderung?
Eine sehr lebendige Szene: Bibliotheken, Jugend- und Kulturzentren, literaturaffineEinrichtungen, Stiftungen, staatliche Förderprogramme und nichtzuletzt Autorinnen und Autoren, die den Alltag der Ganztagsschulen mitprägen.Wichtig bei der Literaturförderung in der Schule ist allerdings, dass siemehr ist als ein freiwilliges Zusatzangebot und dass Autorinnen und Autorennicht nur als einmaliges Ereignis aus der Torte springen. Gebraucht werdenlangfristig und systematisch angelegte Angebote.

Was unterscheidet in der Vermittlung die Sparte Literatur von Theater, Tanz, Musik, Kunst …?
Sprache ist das Material der Literatur – das ist Vor- und Nachteil zugleich:Jeder fühlt sich zuständig. Das führt einerseits dazu, dass es einen Deutschunterrichtgibt, der als wichtiger wahrgenommen wird als der Kunst- oderder Musikunterricht. Auf der anderen Seite gibt es in diesem Deutschunterrichtaber immer weniger Literaturunterricht. In anderen Ländern werden dieFächer ‚Sprache‘ und ‚Literatur‘ getrennt. Es ist nicht logisch, dass man imKunstunterricht zeichnet, im Deutschunterricht aber kaum literarisch schreibt– oder wenn, dann oft nur im zusätzlichen freiwilligen Bereich.
 

Literaturunterricht und kreatives Schreiben werden marginalisiert
 

Das Thema wurde in der dritten Denkschrift des Rates „Zur Sache. Kulturelle Bildung: Gegenstände, Praktiken und Felder“ aufgegriffen …
Ja, auch vor dem Hintergrund, was der Deutschunterricht schon alles gewordenist: Jeder neue Trend wird hineingepackt, wie das Thema ‚Bewerbungenschreiben‘ oder jetzt Digitalisierung. Die Literatur wird dabei mehr und mehrmarginalisiert.

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Denkschrift zum Herunterladen unter: www.rat-kulturelle-bildung.de/publikationen/denkschriften
 

Wie viel Literatur wäre denn in der Schule sinnvoll?
Bei der Leseförderung kommt es weniger auf die Quantität als vielmehr daraufan, wie man es macht. Lesen ist virtuelle Realität, in höchster Form einrauschhaftes Ereignis. Von einem Buch ‚geschluckt‘ zu werden, die Zeilennicht mehr zu sehen, das ist ein kostbarer Moment! Lesezwang und Pflichtlektürestehen dem eher entgegen.

Inwieweit helfen auch neue digitale Formate bei der Literaturvermittlung?
Der digitale Austausch über Bücher durch YouTuber oder Blogger wirdimmer lebendiger. Das ist sehr wichtig. Die Bipolarität zwischen dem Digitalenund Analogen, das Lagerdenken, führt zu nichts. Das eine ist kein Ersatzfür das jeweils andere!
 

Kein Lagerdenken ‚analog versus digital‘!


Können Schulen und Literaturhäuser hier von Bibliotheken lernen?
Ja, Bibliotheken – das haben wir in der Studie „Bibliotheken/Digitalisierung/Kulturelle Bildung. Horizont 2018“ des Rates gesehen – nehmen Jugendlicheernster darin, dass sie alles, was sie tun, auch dokumentieren – in sozialenNetzwerken und Blogs, in Form von Fotos und kleinen Filmen – und dassdas wertvoll und ein Nachdenken über das Getane ist. Früher hat man sichdas Buch signieren lassen. Heute macht man ein Selfie mit der Autorin oderdem Autor. Das Teilen ist ein Bestandteil des Weiterlebens des Abends, sokommt man in Austausch mit anderen. Dafür braucht man gewisse Zeugnisse,das sollte man nicht verachten. Bibliotheken lassen Jugendlichen viele Freiräumeund bringen ihnen Vertrauen entgegen.

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Stadt- und Landesbibliothek im Bildungsforum Potsdam. Schüler der 9. Klasse nutzen das vielfältige Angebot der Bibliothek. © 2015 dbv/Katrin Neuhauser


Sie haben 2018 die Studie des Rates zu den Bibliotheken intensiv betreut – was hat sich daraus weiterentwickelt?
Es gab zahlreiche Anfragen, zuletzt nahm ich an einem Fachgespräch imbaden-württembergischen Landtag teil. Es gab eine fruchtbare Diskussion,ein Nachdenken über die Rolle von Bibliotheken im Land. Großes Interessegibt es auch immer wieder an dem Beispiel der Frankfurter Stadtbücherei,deren Mitarbeitende nicht nur warten, dass die Schulen zu ihnen kommen,sondern die selbst in die Schulen ausschwärmen. Ich denke, die Studie zeigt, wie politisch wirksam der Rat ist: In seiner unabhängigen Haltung hat er sich das Vertrauen der Politik erarbeitet und seine Ratschläge werden ernst genommen. Das haben wir auch schon bei anderen Themen gespürt.

Welche Rolle spielen Stiftungen in der Literatur- und Leseförderung?
Es hat sich bewährt, dass Stiftungen neuartige Programme entwickeln undKooperationen befördern, die letztlich auch in längerfristige Strukturen münden.Wir beobachten jedoch mit einiger Sorge, wie Stiftungen immer wenigerauf Literatur, überhaupt auf Kultur setzen, um all ihre Kraft auf großeThemen der Zeit wie Klimawandel, Migration, Digitalisierung oder KünstlicheIntelligenz (KI) zu verwenden. Dem direkten Zugriff auf gesellschaftlicheEntwicklungen wird der Vorzug gegeben, wo doch Kunst gerade dadurchwirkt, sich nicht unmittelbar in den Dienst einer Sache zu stellen –, und sichgerade dadurch oft genug als Seismograf des Gegenwärtigen und des Kommendenerwies.
 

Migration, KI und Klimawandel sind auch Themen in der Literatur


Warum also sollten Stiftungen weiter und mehr in die Literaturförderung und -vermittlung investieren?
Literatur rüttelt Sprache auf und damit auch die Gesellschaft, die immermit Worten beginnt. Und sie eröffnet die Möglichkeit, die Welt mit anderenAugen zu sehen. Das ist die Voraussetzung für jede Art von kulturellem Verständnis,von Begegnung und von Veränderung.

Sie sind auch Comic-Fan – haben Sie zum Abschluss noch eine Empfehlung?
Die Comic-Szene entwickelt sich gerade lebendig in verschiedenste Richtungen:seien es übermütige Kunstwelten, historische Analysen oder Kriegsreportagen.Einer meiner Lieblingsautoren ist der Franzose Jacques Tardi, dembei meinem Wechsel zum LCB auch die erste Ausstellung gewidmet war.Bei ihm durchdringen sich zeichnerische Virtuosität, gesellschaftskritischerScharfsinn und anarchische Vehemenz.

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Dr. Florian Höllerer ist Leiter des Literarischen Colloquiums Berlin und Honorarprofessor am Institut für Literaturwissenschaft der Universität Stuttgart.

Interview als PDF

Die Fragen stellte Alexandra Hahn,
Kommunikationsmanagerin beim Rat für Kulturelle Bildung e. V.

Kontakt
Rat für Kulturelle Bildung e. V.
Huyssenallee 78–80
45128 Essen
E-Mail: hahn(at)rat-kulturelle-bildung.de
Tel.: 0049 (0)201 / 89 94 35–12
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