Rat für Kulturelle Bildung e. V. –
eine starke Allianz für Kulturelle Bildung!

Der Verein „Rat für Kulturelle Bildung e. V.“ mit Geschäftsstelle in Essen wird von einem Stiftungsverbund getragen, dem sieben Stiftungen angehören. Der Zusammenschluss ermöglicht es den Stiftungen, gemeinsam starke Impulse für die Weiterentwicklung und Verankerung Kultureller Bildung auf zwei Ebenen zu geben:

Diskurspolitik - durch den unabhängiger Expertenrat „Rat für Kulturelle Bildung“
Forschung - durch den „Forschungsfonds Kulturelle Bildung“

24.08.2020

Können schulische Musikangebote eine lebenslange Wirkung haben?

Aktuelles

Interview mit Andreas Lehmann-Wermser zur Halbzeit seines Forschungsprojekts im Forschungsfonds

Empirische Forschungsprojekte in der Kulturellen Bildung dauern oft mehrere Jahre und zumeist werden hunderte Personen darin befragt. So auch im Projekt „Musik begleitet. Bedeutung musikalischer Bildungsangebote der Kindheit im Übergang zum Erwachsenenalter“, das Ende 2018 im Rahmen des „Forschungsfonds Kulturelle Bildung“ startete.

A. Lehmann-Wermser

Zur Hälfte der Laufzeit gibt Prof. Dr. Andreas Lehmann-Wermser, Projektleiter und tätig an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover, hier einen Einblick zu ersten Zwischenergebnissen und berichtet, was durch den Corona-Lockdown umorganisiert werden musste.

Die übergeordnete Forschungsfrage ist, in welcher Weise kulturelle Aktivitäten in Kindheit und Jugend nachhaltig wirken. Aus den 2022 vorliegenden Ergebnissen sollen Handlungsempfehlungen für die optimale Ausgestaltung schulischer Programme zur Kulturellen Bildung abgeleitet werden.

Zum Forscherteam gehören neben der gemeinsamen Leitung mit Prof. Dr. Veronika Busch von der Universität Bremen aktuell auch die wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen Tanja Hienen und Dr. Eva Schurig. Das Projekt wird – als eines von aktuell vier empirischen Forschungsprojekten – vom Stiftungsverbund Rat für Kulturelle Bildung e. V.  ermöglicht und finanziell unterstützt von der Stiftung Mercator.

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Projektleitung: Andreas Lehmann-Wermser und Veronika Busch

 

Was genau untersuchen Sie in Ihrem Forschungsprojekt?
Lehmann-Wermser: Die rund 600 jungen Erwachsenen, die wir befragen, sind als Berufsschüler und Studierende alle in einer Umbruchsphase und müssen sich neu orientieren. In dieser Phase gestalten sie ihren eigenen Lebensentwurf – dabei können musikbezogene Verhaltensweisen eine wichtige Funktion haben. Nach der Schule, durch einen Ortswechsel, mit neuen Freunden etc. müssen die jungen Leute sich nun selbst darum kümmern, ob und wie sie sich weiter mit Musik beschäftigen. Wir wissen zwar durch die Forschung schon einiges über musikalische Förderung in der Schule, aber was in der Zeit danach passiert, wissen wir nicht.  

Wo könnten die jungen Leute denn nach der Schule überhaupt anknüpfen?
Das liegt dann viel am Eigenengagement des Einzelnen: die eigene Band, das Orchester am Wohnort der Eltern, auch an der Universität gibt es Angebote wie das Uni-Orchester oder den Uni-Chor. Vieles liegt aber im Freizeitbereich. Wir untersuchen, ob musikalische Angebote aus der Schulzeit eine Art „Kick-Off-Funktion“ hatten, die ein langfristiges musikalisches Interesse auch danach noch befördern.

Warum schauen Sie sich gerade die musikalischen Angebote in der Schule an?
Es geht auch um die Nachhaltigkeit von Förderprogrammen in Schulen. Wir haben als Ort Bochum ausgewählt, weil hier die Chance recht hoch ist, Spuren des 2007 in Nordrhein-Westfalen gestarteten JeKi-Programms – heute heißt es JeKits – bei den Befragten nachweisen zu können. An dem Programm „Jedem Kind ein Instrument“, das 2015 durch Tanz und Gesang erweitert wurde, nehmen heute rund ein Drittel aller Grundschulkinder in NRW teil. Die Politik wollte damals damit möglichst vielen Kindern den Zugang zu musikalischer Bildung eröffnen, unabhängig von ihren persönlichen und sozio-ökonomischen Voraussetzungen. Wir schauen uns jetzt unter anderem an: Was ist aus den musikalischen Erfahrungen der ehemaligen JeKi-Teilnehmenden geworden? Wie nachhaltig wirken Musikangebote aus der Grundschulzeit und in den weiterführenden Schulen – beziehungsweise wie müssen diese Angebote beschaffen sein, damit sie den Wunsch nach musikbezogenen Aktivitäten lange aufrechterhalten und bestärken? Und wie erreichen Schulen auch die migrantischen Milieus im Ruhrgebiet optimal?

 

Musik für sich als bedeutsam erleben – ein Leben lang

 

Wäre ein erfolgreiches Programm zum Beispiel, wenn jemand nach der Schulzeit weiter im Orchester spielt?
Das kann vieles sein – das Mitspielen in einem Ensemble, aber auch DJing oder das Singen und Spielen für sich alleine, das bewusste Hören von Musik und der Besuch von Konzerten. Bei einem erfolgreichen Programm geht es zum einen um die Qualität der musikalischen Angebote in der Schulzeit. Dafür können die Schulen und Musikschulen viel tun. Aber ein Programm ist zum anderen vor allem dann erfolgreich, wenn Teilnehmende für sich Musik in irgendeiner Form als bedeutsam erleben – und das vielleicht sogar ein Leben lang. Das verlangt von den Akteuren natürlich auch, sich aktiv darum als Teil einer lebenslangen Gestaltung zu bemühen.

Zeitlich gesehen sind Sie in der Halbzeit ihres Projektes – welche Auswirkungen hatte der Corona-Lockdown?
Durch Corona sind wir im Zeitplan etwa ein halbes Jahr hinterher. Im Moment sind wir noch bei der quantitativen Erhebung per Fragebogen. Wir hoffen auf eine Stichprobe von 300 Studierenden der Ruhruniversität Bochum und der beiden Fachhochschulen in Bochum sowie von 300 Schülerinnen und Schülern von berufsbildenden Schulen. Wir konnten ja leider nicht nach Bochum fahren und einfach zeigen: Über diesen Link könnt ihr mitmachen. Wir haben deshalb viele Dozenten angeschrieben oder angerufen und gebeten, unser Anliegen weiterzutragen. In den anschließenden circa 30 persönlichen Interviews mit den Studierenden und Berufsschülerinnen und Berufsschülern werden wir vertieft nach deren musikalischen Erfahrungen und Bedürfnissen fragen und zudem noch auf die aktuelle Corona-Situation eingehen.

 

Zuerst Fragebögen, dann Interviews

 

Was wurde zuerst in den Fragebögen abgefragt?
Da geht es erst mal darum, was die Befragten überhaupt an Angeboten wahrnehmen, wie zufrieden sie damit sind, ob sie ein Instrument lernen und welches, und ob auch ein zweites oder drittes. Wo haben Sie das gelernt? Spielen Sie in Ensembles? Hören Sie Musik? Und wenn ja, in welchen Situationen? Besuchen Sie Konzerte oder beschäftigen Sie sich mit Musik im Internet? Wir fragen auch, ob es das JeKi-Programm an ihren Grundschulen oder andere musikbezogene Programme gab und welche Erinnerungen sie damit verbinden.

Wie wird das in den Interviews dann vertieft?
Da fragen wir dann genauer: Welchen musikalischen Aktivitäten gehen Sie gerade nach? Was ist Ihnen wichtig? Wie finden Sie die für Sie gerade passenden Angebote? Aber wir fragen auch danach, welche Angebot in der Schulzeit wahrgenommen wurden und welche Wünsche und Bedürfnisse dadurch erfüllt wurden. Diese Aktivitäten sind ja immer eingebunden in Lebenszusammenhänge. Deshalb interessiert uns auch, welche Rolle Familie und Freunde dabei spielen.

 

Musikschulunterricht oder informell ein Instrument lernen

 

Wie sind Ihre Erwartungen bei den Teilnehmenden von den berufsbildenden Schulen?
Wir sind ganz überrascht, dass etwa ein Fünftel der Berufsschülerinnen und Berufsschüler angibt, dass sie privat und informell ein Instrument lernen. Das läuft vermutlich nicht wie im bildungsbürgerlichen Milieu über Musikschulunterricht. Wir vermuten, dass z.B. YouTube-Tutorials eine große Rolle spielen – aber diese konkreten Nachfragen müssen wir in den Interviews noch stellen.

Sie interessieren sich auch besonders dafür, wie Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund erreicht werden können – wie viele Personen mit Migrationshintergrund befragen Sie?
An den Berufsschulen ist der Anteil der Personen mit Migrationshintergrund höher – dort entspricht er ungefähr dem NRW-Durchschnitt, das sind bei Jugendlichen rund 25 Prozent mit irgendeiner Art von Migrationshintergrund.

 

Differenzierteres Bild bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund

 

Welche Instrumente wurden von den Befragten am häufigsten genannt?
Unter allen Befragten wurden insgesamt 43 verschiedene Instrumente genannt, von der Violine bis zur Djembé, einer afrikanischen Trommel – mehr kann ich im Moment noch nicht sagen. Aber rechtzeitig zur digitalen Veranstaltung am 22. Oktober über Bildungsgerechtigkeit, die der Rat für Kulturelle Bildung e. V. organisiert, sind wir schlauer!
Wir hoffen, bei den Jugendlichen mit Migrationshintergrund ein differenzierteres Bild zu erhalten als bisher bekannt. In früheren Umfragen wurden sie oft nur nach bezahltem Musikunterricht gefragt. In migrantischen Milieus lernt man ein Musikinstrument aber oft ganz anders – zum Beispiel in der Familie. Ein typisches türkisches Lauteninstrument ist die Saz, die im Ruhrgebiet auch recht weit verbreitet ist und in Ensembles gespielt wird. Man lernt sie oft eben nicht über die kommunale Musikschule, sondern im familiären Rahmen, indem man mit dem Onkel mit auf eine Hochzeit geht und erst die dritte Stimme mitspielt, dann die zweite usw.

Worauf sind Sie besonders gespannt bei den Ergebnissen?
Zweierlei: Welche Musik machen junge Erwachsene heute und gerade in einer schwierigen Übergangsphase und unter den Bedingungen der Pandemie? Und natürlich ist die Frage spannend, ob Schule die Art und Intensität der heutigen musikalischen Aktivitäten beeinflusst hat. Es gibt erste Hinweise auf Zusammenhänge, ohne dass wir bisher sagen können, was bloßer statistischer Zusammenhang und was Ursache oder Wirkung ist.

Wann ist das Projekt abgeschlossen und wie werden die Ergebnisse präsentiert?
Ab September steigen wir in die Auswertung ein und werden zunächst häppchenweise Informationen aus den Daten herausziehen. Zum Bespiel: Welchen familiären Hintergrund haben denn speziell die Klavier-Spielenden? Wo finden Berufsschülerinnen und -schüler, wo Studierende musikalische Betätigungsfelder? Neben solchen „Häppchen“ gibt es am Ende dann aber auch ein „großes Menü“ mit Handlungsempfehlungen für Schulen, Musikschulen und Wissenschaft, in Form von einer Publikation oder Veranstaltung. Dabei geht es um die konkrete Ausgestaltung von schulischen Bildungsprogrammen und Leuchtturmprojekten, aber auch um Schwierigkeiten auf dem Weg zur nachhaltigen kulturellen Teilhabe.