Rat für Kulturelle Bildung e. V. –
eine starke Allianz für Kulturelle Bildung!

Der Verein „Rat für Kulturelle Bildung e. V.“ mit Geschäftsstelle in Essen wird von einem Stiftungsverbund getragen, dem sieben Stiftungen angehören. Der Zusammenschluss ermöglicht es den Stiftungen, gemeinsam starke Impulse für die Weiterentwicklung und Verankerung Kultureller Bildung auf zwei Ebenen zu geben:

Diskurspolitik - durch den unabhängiger Expertenrat „Rat für Kulturelle Bildung“
Forschung - durch den „Forschungsfonds Kulturelle Bildung“

10.12.2019

Zukunftslabor der Gesellschaft – Interview mit Eckart Liebau

Aktuelles

Eckart Liebau, 70, ist Vorsitzender des Rates für Kulturelle Bildung seit seiner Gründung 2012. Mit den Feldern der Bildung und Kultur hat er sich sein ganzes berufliches Leben lang wissenschaftlich auseinandergesetzt. Viele der Themen des Expertengremiums sind deshalb für ihn „Dauerbrenner“ unter aktuellen Vorzeichen.

Besonders am Herzen liegt ihm die dauerhafte Verankerung der Kulturellen Bildung in Politik und Schule sowie die bessere Vernetzung von schulischer und außerschulischer Bildung. Ein Gespräch über die Rolle der Kulturellen Bildung für den Einzelnen und die Gesellschaft insgesamt sowie Erwartungen an die Zukunft der Kulturellen Bildung angesichts aktueller großer gesellschaftlicher Fragen.

 

Eckart Liebau

Wie lange befassen Sie sich schon mit Kultureller Bildung?
Eckart Liebau: Sehr lange, seit den 70er-Jahren. Da war ich selbst für meine Söhne in einem Elterninitiativ-Kindergarten engagiert. Und im Laufe meines beruflichen Weges habe ich mich aus verschiedensten Perspektiven immer neu mit dem ästhetischen Lernen und guter Bildung befasst. Es fing in den 70ern damit an, dass ich von der Soziologie zur Pädagogik wechselte und sowohl wissenschaftlich wie auch ganz praktisch in Göttingen an dem Schulentwicklungsprojekt zur Gründung der Georg-Christoph-Lichtenberg-Gesamtschule mitarbeiten konnte. Das Team-Kleingruppen-Modell wurde dort zum Vorbild für viele Gesamtschulen in Deutschland.

Was waren rückblickend Ihre wichtigsten Initiativen und Projekte?
Anfang der 80er-Jahre habe ich mich am Zentrum für Berufs- und Hochschulforschung in Kassel mit den Kulturforschungen Pierre Bourdieus sehr intensiv auseinandergesetzt. Sie stellen mit ihrem gleichzeitig anthropologisch, historisch und soziologisch ausgerichteten Ansatz bis heute einen wichtigen Referenzrahmen meiner eigenen Forschungs- und Entwicklungsarbeit auf dem Weg zu einer praxeologischen Pädagogik dar. In den 80ern folgten in Tübingen dann weitere Schulprojekte zum praktischen und ästhetischen Lernen, zur Schulsozialarbeit und zur außerschulischen Kulturpädagogik. 1992 habe ich in Erlangen einen Lehrstuhl für Pädagogik übernommen. Initiativen waren zum Beispiel 2005 die Gründung des Interdisziplinären Zentrums Ästhetische Bildung und 2009 die Gründung der Akademie für Schultheater und performative Bildung. Zudem bekamen wir 2010 an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg den UNESCO-Chair in Arts and Culture in Education. Ein weiterer Schwerpunkt lag in der wissenschaftlichen Begleitung von großen schulpädagogischen und kulturpädagogischen Initiativen und Modellprogrammen in Bayern und Baden-Württemberg, zum Beispiel der Kulturakademie Baden-Württemberg in den Jahren 2010 bis 2016.

Man sieht: Die Kulturelle Bildung ist ein weites Feld – auch im Rat für Kulturelle Bildung spiegelt sich das in der Zusammensetzung seiner Mitglieder wider.
Ja, das fand ich auch von Anfang an besonders reizvoll am Rat und den Perspektiven, die wir gemeinsam entwickeln konnten. Dass dort Wissenschaften und Künste zusammenkommen, war eine wichtige Leitentscheidung bei der Zusammensetzung des Rates. Und dass wir den inhaltlichen Schwerpunkt auf die kulturelle und ästhetische Bildung von den Künsten aus gedacht und auf die Künste bezogen haben. Daraus ergaben sich ästhetische Qualitätsmerkmale der Künste, die für die weitere Arbeit prägend waren.

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Der Expertenrat mit seinen jeweiligen Mitgliedern in den Jahren 2012 (li.) und 2018 (re.; es fehlt: Diemut Schilling). Fotos: RfKB
 

Gerade haben die sieben Mitgliedsstiftungen des Stiftungsverbunds die Förderung des Rates für Kulturelle Bildung  um weitere drei Jahre verlängert.
Ja, aufbauend auf der bisherigen Arbeit des Expertenrates hat der Stiftungsverbund eine dritte, wiederum dreijährige Förderphase beschlossen, die im Juli 2019 begonnen hat. Die sieben Mitgliedsstiftungen sind überzeugt davon, dass es weiterhin einer unabhängigen, wissenschaftlich sowie künstlerisch basierten Stimme im Feld der Kulturellen Bildung bedarf, die die Qualität und Lage Kultureller Bildung in den Blick nimmt und handlungsorientiert Politik und Praxis berät. Wir sind sehr dankbar für die Möglichkeit dieser Fortsetzung.

Was steht beim Expertenrat und im Forschungsfonds jetzt auf dem Programm?
Der Rat wird ab 2020 die erarbeiteten Grundlagen und Schwerpunktthemen bündeln, schärfen und verstärken – zum Teil in Kooperation mit anderen Akteuren. Ziel ist es, die Erkenntnisse und Empfehlungen in Bezug auf die Themen Qualität und Teilhabe zu nachhaltiger politischer und praktischer Wirksamkeit zu bringen. Parallel dazu ist die Förderung der Forschung zur Kulturellen Bildung ein wichtiger Schwerpunkt des Stiftungsverbunds: Aktuell laufen vier Projekte im „Forschungsfonds Kulturelle Bildung“ zu Forschungsfragen aus dem Bereich Schule sowie zur Führungskräfteentwicklung. Auch der Expertenrat bezieht sich auf diese Forschung.

Kulturelle Bildung braucht strukturelle Verankerung

 

Was war 2012 bei Beginn der Ratsarbeit Ausgangspunkt Ihrer Überlegungen?
In unserer ersten Denkschrift „Alles immer gut“ haben wir zunächst auf das Selbstverständnis und den Diskurs im Feld der Kulturellen Bildung geschaut. Es zeigte sich, dass diese stark durch das Antragswesen geprägt waren. In den Projektanträgen musste man alles, was geschah, sehr positiv darstellen und durfte auf die kritischen Punkte nicht eingehen, damit die Mittel flossen – das war keine gute Grundlage und das hat der Rat hinterfragt. Das hat im Feld für einigen Wirbel gesorgt. Die dahinterliegende Frage lautet: Wie müssen eigentlich Strukturen beschaffen sein, mit denen Kulturelle Bildung ein Regelangebot wird, das gut gesichert ist, eine stabile Basis hat und nicht nur auf Projektförderungen beruht?

Dabei geht es auch um Zugänge und Teilhabe ...
Vor dem oben genannten Hintergrund haben wir zunächst die drängende Frage der Teilhabe thematisiert. Dabei haben wir in unserer zweiten Denkschrift „Schön, dass ihr da seid“ eine sehr wichtige Unterscheidung gefunden zwischen Zugängen und Teilhabe: Das, was man politisch beeinflussen und sichern kann, sind die Zugänge. Man kann dafür sorgen, dass künstlerische Fächer in der Schule angeboten werden, dass es Musikschulen gibt, dass es Vermittlungsprogramme an den öffentlich geförderten Kultureinrichtungen gibt – diese Angebotsseite ist politisch gestaltbar. Tatsächliche Teilhabe kann man aber nur ermöglichen und zu fördern versuchen: Die individuellen Interessen von Menschen liegen glücklicherweise nicht in der Verfügung der Politik.
 

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Zweite Denkschrift des Rates (Download)


Welche Faktoren sind für kulturelle Teilhabe wichtig?
Zuerst muss man die Möglichkeiten bieten, die künstlerischen Bereiche kennenzulernen, sie rezeptiv, wie zum Beispiel bei einem Theaterbesuch, sowie produktiv mit den eigenen Gestaltungsmöglichkeiten, also mit eigenem Theaterspielen, zu testen und zu erproben – das ist eine Voraussetzung dafür, dass sich Teilhabe entwickeln kann. Teilhabe setzt dann immer voraus, dass Menschen ihre Wahl treffen und sich für eine Beteiligung entscheiden, mitmachen wollen. Da kann man nur versuchen, dafür zu werben und sie dafür zu gewinnen. Das gilt selbst für den für alle verpflichtenden Schulunterricht: Musikunterricht in der Schule kann man zur Pflicht machen – Interesse und Freude an Musik aber nicht. Und das gilt für die bildenden Künste einschließlich der Medienkünste, für Literatur, Theater und Tanz genauso.

Gerade jährte sich der 30. Jahrestag der UN-Kinderrechtskonvention. Gibt es in Deutschland so etwas wie ein Recht auf kulturelle Teilhabe?
Man kann ein Recht auf kulturelle Teilhabe aus der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, aus dem Grundgesetz und aus der Kinderrechtskonvention ableiten; in den Schulgesetzen der Länder und in der Sozialgesetzgebung sind solche Ansprüche konkretisiert worden.
Nicht zufällig hat auch die UNESCO den Künsten und der Kulturellen Bildung große Aufmerksamkeit gewidmet. Ihre Seoul-Agenda von 2010, die heute ein international anerkanntes politisches Referenzdokument darstellt, beschreibt drei zentrale Aufgaben: Erstens, allen Menschen, insbesondere allen Kindern und Jugendlichen, gute Teilhabemöglichkeiten an Kultureller Bildung zu eröffnen, also quantitativ hinreichende Zugänge zur „Arts Education“ zu eröffnen. Zweitens durch entsprechende Aus- und Fortbildung für eine gute Qualität der Vermittlung zu sorgen. Und drittens die Kulturelle Bildung für die Entwicklung der Gesellschaft im Ganzen fruchtbar zu machen und zu nutzen.
Diese Themen bezeichnen dauerhafte Entwicklungsaufgaben. Sie sind auch in den deutschen Diskursen sehr präsent und haben wesentliche Bedeutung für die Entwicklung der Praxis. Aber von einer hinreichenden Umsetzung kann leider keine Rede sein. Da gibt es noch sehr viel zu tun.

Dem Expertenrat geht es natürlich auch um die Künste selbst in ihrer Vielfalt und ihrer Bedeutung für Bildungsprozesse.
Ja, das ist genauso entscheidend: Was macht die Künste so besonders, einzigartig und reizvoll als Gegenstand von Bildungsprozessen? Warum sind sie notwendig, warum brauchen Menschen das überhaupt? Wir haben im Jahr 2015 die Denkschrift „Zur Sache“ publiziert. Das Thema der künstlerischen Inhalte war bis dahin in den üblichen Diskursen zur Kulturellen Bildung völlig unterrepräsentiert – was paradox erscheint. Ich halte es nach wie vor für die zentrale Frage für die Entwicklung Kultureller Bildung, klarzumachen, warum es gerade die Künste sind, die so eine wichtige Rolle in Bildungsprozessen spielen.

Durch die Künste lernt man zu differenzieren

 

Dann erklären Sie bitte noch mal, warum die Künste für gute Bildung so wichtig sind.
Die künstlerische Tätigkeit, also die produktive Seite, hat eine große Bedeutung für Menschen – durch die Gleichzeitigkeit des Schaffens- und des Wahrnehmungsprozesses. Gestaltung und Wahrnehmung sind zwei Seiten einer Medaille. Wenn man will, dass Menschen wahrnehmungs- und gestaltungsfähig werden, sind die Künste der elementare Bereich. Man braucht dabei die verschiedenen Künste in ihrer ganzen Bandbreite – durch diese lernt man zu differenzieren. Differenziert zu hören lernt man durch das Hören und Spielen von Musik, differenziert zu sehen lernt man durch das Sehen und Gestalten von Bildern, sich differenziert zu bewegen durch Tanzen und Beobachtung von Tanz oder durch sportliche Spiele. Die Literatur und eigenes Schreiben öffnen die Räume der Fantasie und der Imagination. Und dass die Welt auch eine Bühne ist, wusste schon Shakespeare.

Um welche einzigartigen Qualitäten der Künste geht es da genau?
Wir haben uns im Rat sehr intensiv mit den besonderen Bildungspotenzialen der Künste beschäftigt. Die Bildung der Sinne und der leiblich-körperlichen Fähigkeiten stellt hier eine wesentliche Dimension dar. Aber zu den Qualitätsmerkmalen der Künste gehört zum Beispiel auch, dass sie die bewusste Wahrnehmung der Wahrnehmung und der unterschiedlichsten Gestaltungsmöglichkeiten eröffnen – und uns zugleich immer wieder zur Auseinandersetzung mit Unerwartetem, auch mit dem Zufall und den unerwarteten Nebenfolgen allen Handelns auffordern.
Und nicht zuletzt sind die Künste ein kulturell und auch politisch und ökonomisch hoch bedeutsamer eigenständiger gesellschaftlicher Bereich ästhetischer, intellektueller und sozialer Experimente, der sich aber nicht von selbst erschließt, sondern den man kennenlernen muss, auch und gerade mit den entsprechenden historischen Verankerungen und Tiefendimensionen. Denn gerade die Künste können uns zeigen, wer und wie wir als Menschen und als einzelne Personen sind, sein können und vielleicht sein wollen.

Wo bedienen wir uns unserer künstlerischen Fähigkeiten im Alltag, vielleicht sogar, ohne es zu merken?
Bei Liebeskummer oder bei Schmetterlingen im Bauch zum Beispiel: Da braucht man Gedichte, Lieder, Bilder, Filme, Dramen. Romane zeigen uns, was Menschen in der Realität und in der Fantasie möglich war und ist; für die Entwicklung einer reichen Vorstellungswelt haben solche weltumspannenden und Welten verbindenden Erzählungen wesentliche Bedeutung. Auch bei der Frage nach der eigenen Erscheinung, den Maßstäben der Selbstdarstellung kommen die ästhetischen Haltungen ganz selbstverständlich zur Geltung. Man kann es schließlich nicht vermeiden, zu erscheinen, aufzutreten, zu sprechen, sich und etwas darzustellen.
Und in einer digitalisierten Welt, in der die Selbst-Inszenierung auf Instagram oder YouTube wesentliche Bedeutung hat, geht es zusätzlich immer auch um das mediale (Ab-)Bild, das zu gestalten ist und für dessen Gestaltung besondere ästhetische und reflexive Fähigkeiten gebraucht werden. Die besten Vor-Bilder und Lern-Chancen bieten auch hier die Künste: weil sie Alternativen aufzeigen und unglaublich vielfältige und interessante Erfahrungs- und Aktivitätsmöglichkeiten bieten, die das Leben bereichern.

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Die jüngste Denkschrift von 2019 thematisiert Kulturelle Bildung und Digitalisierung (Download)


Und trotzdem wird Kultur oft nur als Hochkultur für Eliten verstanden …
Mit diesem schlichten Argument, Kultur sei nur etwas für Eliten, kommt man nicht weiter. Sie betrifft alle. Die Künste sind ein wesentlicher, eigenständiger Teil der Gesellschaft, und der erfordert eine darauf bezogene Bildung. Die komplexesten Formen des Nachdenkens, der Gestaltung und des Wahrnehmens, die es in der Gesellschaft gibt, gibt es in den komplexesten Formen der Künste, im Schauspiel und in der Oper, in der Bildenden Kunst und im Film, in der Musik und in der Literatur etc. einschließlich der zugehörigen Institutionen und Orte. Die Künste sind mit ihrer Mischung aus Fantasie und Perfektion eine Art Zukunftslabor der Gesellschaft. Kulturelle Bildung im Medium der Künste zielt daher nicht auf Elitenbildung, sondern im Gegenteil darauf, diese komplexesten Formen der Wahrnehmung und Gestaltung möglichst vielen Menschen so gut wie möglich zugänglich zu machen, rezeptiv und produktiv.

In den einzelnen Kultursparten tut sich schon einiges in Sachen kulturelle Teilhabe …
Allerdings, es gibt viele interessante und gute Initiativen. Ein herausragendes Beispiel ist die Stadtteil-Oper Bremen. Hier ist ein deutsches Spitzenorchester, die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen, eine Symbiose mit einer Schule in einem sehr schwierigen Stadtteil eingegangen und hat daraus gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern, Lehrerinnen und Lehrern und der Einwohnerschaft höchst anspruchsvolle künstlerische Prozesse gestaltet, die dann auch zu aufregenden Ergebnissen und großem Publikumserfolg geführt haben. Das hat nicht nur allen Beteiligten intensive und produktive Erfahrungen ermöglicht, sondern nachweislich auch den Stadtteil insgesamt entschieden vorangebracht. Das Beispiel Stadtteiloper ist übertragbar und wurde mit Unterstützung der Deutschen Kammerphilharmonie beispielsweise in Frankfurt, Potsdam, Heidelberg und Freiburg sowie erstmals international in Tunis etabliert. Daran kann man erkennen, welche Kraft in der Kunst steckt, wenn man sie in solche Kontexte bringt und fruchtbar macht.

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Einblicke in die Stadtteil-Oper „Sehnsucht nach Isfahan“, die die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen gemeinsam mit Schülern, Lehrern und der Einwohnerschaft vor Ort entwickelt und aufgeführt hat - mit großem Publikumserfolg. Fotos: Jörg Sarbach
 

Wo steht heute der Diskurs in der Kulturellen Bildung mit seinen Akteuren aus Wissenschaft, Praxis und Politik?
Nach meinem Eindruck ist der Diskurs inzwischen doch ein deutlich anderer als zu Beginn unserer Arbeit. Hier sehe ich eine erhebliche Wirkung, zu der der Rat wesentlich beigetragen hat. Kulturelle Bildung ist heute ein ganz selbstverständlicher und notwendiger Bestandteil dessen, was als Entwicklungsaufgabe auf der kommunalen Ebene, auf der Länderebene und der Bundesebene gedacht wird.
Im Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) laufen beispielsweise drei große Förderrichtlinien zur Forschung in der Kulturellen Bildung und das Förderprogramm „Kultur macht stark“, die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) fördert ausgewählte Projekte der kulturell-künstlerischen Vermittlung und lobt einen Preis für Kulturelle Bildung aus, und auch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) unterstützt Kulturelle Bildung unter anderem mit Wettbewerben
wie „Jugend musiziert“ und dem Bundeswettbewerb „Mixed up“ für kulturelle Bildungspartnerschaften – das ist sehr erfreulich.
Um all diese Aktivitäten stärker flächendeckend wirksam zu machen und ein öffentliches Bewusstsein für die Notwendigkeit kultureller Teilhabe zu fördern, wäre es gut, nun weitere Schritte zu überlegen und Kräfte zu bündeln. Auch regelmäßige Bildungsberichte zum Stand und zur Entwicklung der Kulturellen Bildung auf Bundes-, Länder- und kommunaler Ebene wären außerordentlich hilfreich. In manchen Kommunen gibt es das bereits.

Was erwarten Sie für die Zukunft der Kulturellen Bildung?
Im vergangenen Jahrzehnt hat Kulturelle Bildung diskursiv eine große Bedeutung gewonnen. Auch in der Praxis hat es große Fortschritte gegeben, insbesondere in den außerschulischen Angeboten, wie Musikschulen, Jugendkunstschulen und soziokulturellen Einrichtungen einerseits und beim Ausbau der kulturellen Bildungsangebote in den Kulturinstitutionen andererseits. Auch in den außerunterrichtlichen Bereichen der Schulen hat sich viel getan, nicht zuletzt durch Ganztagsangebote.
In den unterrichtlichen Pflichtbereichen der Schule aber sieht es mancherorts eher nach deutlichen Rückschritten aus: Ich nenne nur Unterrichtsausfall, fachfremden Unterricht und Rückstufungen in den Stundentafeln. Das Bild ist also durchaus ambivalent.
Ob und wie die Kulturelle Bildung die ihr angemessene Bedeutung angesichts der aktuellen Themen in der Politik durchsetzen kann, wird davon abhängen, wie sie sich jetzt gegenüber anderen drängenden Themen positioniert. Wir müssen auch mit anderen Akteuren der Kulturellen Bildung im Feld gemeinsam klarmachen, welchen Zusammenhang es da gibt. Wichtig ist dabei auch die Forschung.

Welche Rolle können die Künste spielen bei den großen aktuellen Fragen?
Angesichts der Fragen nach Umwelt, nach Digitalisierung, nach den Folgen der Globalisierung kann es so scheinen, als sei die Frage nach den Künsten und der Kulturellen Bildung von minderer Bedeutung. Ich glaube das nicht. Inhaltlich können die Künste die großen Fragen natürlich nicht lösen – das ist auch nicht ihre Aufgabe. Aber sie können wesentlich zur Reflexion und zu den entsprechenden Diskursen beitragen und hier und dort mit ihren Mitteln der ästhetischen Wahrnehmung und Gestaltung auch exemplarische Initiativen starten. In den Künsten ist das institutionalisiert, was Robert Musil den Möglichkeitssinn genannt hat: Entwicklungen sind nicht geradlinig. Gerade deshalb kommt es darauf an, sie genau und seismografisch wahrzunehmen. Immer kann alles auch anders, immer auch vielleicht besser, vielleicht schlechter sein und werden. In diesem Sinne können die Künste durchaus auch als Zukunftslaboratorien verstanden werden.

Künste sind kein überflüssiger Luxus, sondern die Basis!

 

Haben Sie einen Appell an die Politik?
Die Künste und die Kulturelle Bildung sind kein nettes Extra, das man nur in guten Zeiten fördert. Sie sind kein überflüssiger Luxus, sondern eine wesentliche Basis für die einzelnen Menschen und die Gesellschaft! Hier kann sich zeigen, wie gut eine Gesellschaft mit Heterogenität, Widersprüchen und Spannungen umgehen kann.

Wann hat Kunst Ihnen selbst zuletzt einen neuen Blick auf ein Thema eröffnet?
Ich habe kürzlich Thomas Manns „Buddenbrooks“ wieder gelesen. Ein zentrales und bis heute aktuelles Thema des Romans ist das Verhältnis von Ökonomie und Kunst. Man kann sich an die Ökonomie verlieren und an ihr zugrunde gehen. Dafür steht Thomas Buddenbrook. Man kann sich aber auch an die Kunst verlieren und an ihr zugrunde gehen. Dafür steht Hanno Buddenbrook. Offenbar ist es besser, sich weder an das eine noch an das andere zu verlieren, sondern einen dritten, lebendigen und lebensfreudigen Weg zu suchen, der die Unterschiedlichkeit der Sphären wahrnimmt und die Differenzen für die Lebensgestaltung fruchtbar macht.

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Prof. Dr. Eckart Liebau, Prof. i.R. für Pädagogik an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg“ (FAU), Vorsitzender des Rates für Kulturelle Bildung

Interview als PDF

 

Die Fragen stellte Alexandra Hahn,
Kommunikationsmanagerin beim Rat für Kulturelle Bildung e. V.

Kontakt
Rat für Kulturelle Bildung e. V.
Huyssenallee 78–80
45128 Essen
E-Mail: hahn(at)rat-kulturelle-bildung.de
Tel.: 0049 (0)201 / 89 94 35–12
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