Rat für Kulturelle Bildung e. V. –
eine starke Allianz für Kulturelle Bildung!

Der Verein „Rat für Kulturelle Bildung e. V.“ mit Geschäftsstelle in Essen wird von einem Stiftungsverbund getragen, dem sieben Stiftungen angehören. Der Zusammenschluss ermöglicht es den Stiftungen, gemeinsam starke Impulse für die Weiterentwicklung und Verankerung Kultureller Bildung auf zwei Ebenen zu geben:

Diskurspolitik - durch den unabhängiger Expertenrat „Rat für Kulturelle Bildung“
Forschung - durch den „Forschungsfonds Kulturelle Bildung“

07.12.2020

„Angebote an Schulen müssen die Vielfalt der Gesellschaft widerspiegeln“

Aktuelles

Wie beeinflusst das Musizieren in Schul-AGs die Persönlichkeitsentwicklung und was sind dabei Voraussetzung für Teilhabe?

Zwischenergebnisse zum Forschungsprojekt „Musik und Persönlichkeit“ aus dem Forschungsfonds Kulturelle Bildung

Prof. Dr. Valerie Krupp (Bild: Foto Rimbach)

Was macht ein gelungenes kulturelles Bildungsangebot an Schulen aus? Seit 2018 gehen dieser Frage drei von der Stiftung Mercator geförderte Forschungsprojekte im Rahmen des Forschungsfonds Kulturelle Bildung nach.

Das Projekt „Musik und Persönlichkeit. Bedingungen und Wirkungen musikalischer Bildungsangebote in Schulen“ begleitet Schülerinnen und Schüler von der Klassenstufen 5 bis 8 in rund 40 Schulen in Rheinland-Pfalz, Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Ein Forschungsteam von der Hochschule für Musik Mainz und der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover befragt die Schülerinnen und Schüler an drei Messzeitpunkten zu ihren musikalischen Interessen, insbesondere zu Musik-AGs im freiwilligen Bereich sowie zu ihrer Persönlichkeitsentwicklung.

Ziel des Projektes ist es unter anderem, auf Grundlage der Forschungsergebnisse Schulen dahingehend zu beraten, wie musikalische Angebotsstrukturen erweitert oder verändert werden können, damit möglichst viele Jugendliche der Klassenstufen 5 bis 8 erreicht werden und auch darüber hinaus langfristig an den Musik-AGs oder anderen musikalischen Bildungsangeboten teilnehmen.

„Untersuchungen deuten darauf hin, dass musikalische Bildungsangebote an Schulen oft nicht oder nur begrenzt die anvisierten Zielgruppen erreichen, und dass am Ende 7. Klasse, also bei angehenden Teenagern, ein starker Einbruch bei musikalischen Aktivitäten zu verzeichnen ist. Wir wollen mögliche Ursachen hierfür identifizieren“, sagte Projektleiterin Valerie Krupp zu Beginn des Projektes. Im Interview spricht sie nun über erste Erkenntnisse und den Zwischenstand.

 

Welche freiwilligen Bildungsangebote gibt es an den von Ihnen befragten rund 40 Schulen?
Valerie Krupp: Im Wesentlichen sahen wir dort drei traditionelle Standardangebote, die Vielfalt der Angebote ist nicht sehr groß: Chor, Orchester oder eine Bandformation – ob Big Band oder Instrumental-Ensemble. Manchmal gibt es noch eine Percussiongruppe, sehr selten mal eine App-AG.
Befragt haben wir Schülerinnen und Schüler an Gymnasien, Gesamtschulen, Realschulen Plus und Gesamtschulen. Die Gymnasien und Gesamtschulen mit Oberstufe sind in der Regel besser mit Angeboten ausgestattet als die Realschulen. Auch angesehen haben wir uns Musikprofilklassen. Das ist ein freiwilliges Angebot, in der Regel in den Klassenstufen 5 und 6, integriert in den regulären Musikunterricht. Es gibt zum Beispiel Bläser-, Streicher- oder Bandklassen.

Welche Unterschiede gibt es in den drei ausgewählten Bundesländern?
Es gibt da recht eklatante Unterschiede. In Rheinland-Pfalz sind Kunst- und Musikunterricht immer fester Bestandteil der Stundentafel, während dies beispielsweise in Schleswig-Holstein nicht der Fall ist und zahlreiche allgemein bildende Schulen, mit denen wir Kontakt hatten, tatsächlich keinen oder nur einen sehr eingeschränkten Musikunterricht anbieten.
Auch die Reaktion der Bundesländer auf Corona ist unterschiedlich: In Rheinland-Pfalz und Niedersachsen gibt es große Bemühungen, die Musikangebote aufrecht zu erhalten, während an anderen Stellen die Hauptfächer in den Vordergrund gerückt werden – zu Lasten der ästhetischen Fächer insgesamt.

Ein interessantes Ergebnis, das sich aus der Situation ergeben hat. Passieren solche Überraschungen in Forschungsprojekten öfter?
Ja, immer! Die Coronapandemie hat uns zusätzlich noch überraschend die Gelegenheit gebracht, uns auch einmal die Resilienz anzuschauen: Wer kommt eigentlich danach zurück in die Angebote, wenn sie wieder laufen? Beziehungsweise wie überbrücken die Schüler*innen diese Zeit?

 

Schulen brauchen breit gestreute und vielfältige Musik-Angebote

 

Was leiten Sie aus den ersten Ergebnissen ab?
Es gibt verschiedenste Gründe, warum Kinder nicht an Musik-AGs teilnehmen. Das Interesse der Kinder lässt in Klasse 6 oft nach. Wir haben da nun erstmals genauer nachgehakt und zwölf Gründe für die Nicht-Teilnahme an Musik-AGs abgefragt – die sind zum Beispiel: Die Angebote entfallen nach Klasse 6; manche Kinder wissen nicht, was sie musikalisch können müssen um teilzunehmen, oder die Musik in den AGs gefällt ihnen nicht – da fehlt die Passung mit den eigenen Interessen. Oder es sind rein organisatorische Gründe: Oft fährt nachmittags einfach kein Bus mehr. Hier sind Schulen in ländlichen Regionen im Nachteil.

Eine Erkenntnis daraus ist: Wir erreichen eventuell noch mehr Kinder, wenn die Angebote nicht nur am Nachmittag, sondern auch am Vormittag stattfinden, zum Beispiel im Rahmen des gebundenen Ganztags. Die Schulen brauchen zudem stilistisch vielfältige Angebote. Hier muss man jetzt ansetzen, wenn man mehr Kinder für Angebote begeistern möchte. Insgesamt ist bei weitem nicht alles auf den sozialen Hintergrund der Familie zurückzuführen, sondern das System Schule verstärkt bestehende Ungleichheiten zusätzlich durch die Angebotsstrukturen, die eben nur bestimmte Kinder ansprechen. Es gibt sehr viele Stellschrauben, an denen man drehen kann.  

Welche weiteren Ergebnisse stehen im Forschungsprojekt noch aus?
Wir sind mitten im zweiten Erhebungszeitraum, in dem wir an zwei bis drei ausgewählten Schulen auch noch mit Lehrkräften und Schüler*innen Interviews führen, um vertiefend auf die Gründe einzugehen, warum die Schüler*innen Angebote nicht wahrnehmen. Der dritte Befragungszeitraum folgt dann voraussichtlich zum Anfang des nächsten Schuljahres.

Die Daten, die wir gerade auswerten, beziehen sich auf die Persönlichkeitsentwicklung. Es deutet sich an, dass die Wahl der Kinder in Klasse 5 und 6 mehr von den Eltern bestimmt ist, ab Klasse 7 ändert sich das Wahlverhalten. Sie wählen selbstbestimmter. Zudem deutet sich an, dass sich die Teilnahme an Musik-AGs sowie das Persönlichkeitsmerkmal Offenheit über die Zeit gegenseitig positiv verstärken. Das werden wir mit einem dritten Messzeitpunkt sehr viel genauer sehen können. Ein weiterer Fokus unserer Untersuchungen liegt auf dem Thema Teilhabegerechtigkeit.

Was sind die Voraussetzungen für Teilhabegerechtigkeit bei den Angeboten?
Das ist eine sehr schwierige Frage. Prinzipiell ist die formale Chancengleichheit auf der Ebene des Schulsystems ja gegeben. Auch gibt es zahlreiche Bildungsprogramme, die dafür sorgen, dass Schulen mit finanziellen oder materiellen Ressourcen, wie mit Instrumenten oder Mitteln für Instrumentalunterricht, ausgestattet werden.

In der Praxis erreichen wir trotzdem nicht alle Schüler*innen, und da liegen die Gründe auf einer anderen Ebene, die ich vorhin schon angedeutet habe. Das ist keine Ressourcenfrage, sondern es geht um die inhaltliche Ausrichtung der Angebote. Wenn beispielsweise Kinder mit nicht-deutschem Herkunftshintergrund auf Angebote wie Streicher- oder Bläserklassen stoßen, geht es hier um musikalische Praxen, die in ihren Elternhäusern überhaupt keine Rolle spielen. Das hat ja auch etwas mit Prozessen der Identitätsbildung zu tun. Man kann zwar nicht für jedes Kind ein passendes Angebot schneidern, aber die Angebote können trotzdem breiter aufgestellt sein. Das gilt genauso für populäre Musik oder musikalische Praxen in digitalen Medien. Wenn unsere Gesellschaft so vielfältig ist, wie sie ist, muss Schule das eben auch aufgreifen und widerspiegeln.

 

Musik kann das Gemeinschaftsgefühl an Schulen stärken

 

Gibt es ein Konzept von Angeboten Kultureller Bildung an Schulen, das Sie ideal finden?
Egal in welcher Angebotsstruktur: Wenn eine Schule es schafft, ganz viele Kinder für Musikangebote zu begeistern und damit auch ein Gemeinschaftsgefühl fördert und die Schulgemeinschaft auf einer emotionalen Ebene zusammenschweißt und sozial integriert, dann stimmt die Passung zwischen Angebot und dem, was die Schülerschaft braucht. Ein Beispiel ist der Campus Rütli in Berlin Neukölln, wo ich selbst einmal gearbeitet habe: Da gab es ein außergewöhnliches, breites Angebot, eine Saz-AG oder eine Steeldrum-Band, aber auch Pop-Gesang, die Bläserklasse etc. Und es wurde viel ohne Noten gespielt. Auftritte, wie bei den Kiezkonzerten, waren immer das Ziel. Andere Schulen brauchen hingegen andere Angebote. Es gibt also nicht das perfekte Angebot. Notwendig ist das Bestreben von Schulen, möglichst gut auf die Schüler*innen zu reagieren – angepasst auf den Kontext, den Stadtteil, die Schülerschaft.

Wie wichtig sind dabei klassen- und schulübergreifende Aufführungen?
Es ist sehr wichtig, dass man Ergebnisse der musikalischen Arbeit auch mit Auftritten verbindet. Die Präsentation motiviert die Kinder ungemein. Das ergaben auch Befragungen in den JeKi-Studien von 2009-13: Was am meisten hängen bleibt, sind die Auftritte! Wenn die Eltern und Großeltern zusehen, wenn die Kinder auf der Bühne stehen und erleben, dass sie etwas geschafft haben, ist das ein besonderes und motivierendes Ereignis und eine große Chance für eine positive Selbstwirksamkeitserfahrung. Der große Abschluss kann auch ein Treffen sein, bei dem mehrere Schulen in einem gemeinsamen Konzert zusammen etwas aufführen, wie zum Beispiel im Rahmen des Projekts „Schulen musizieren“, das der Bundesverband Musikunterricht ausrichtet. Das ist dann auch schön für die Außenwirkung der Schulen und stärkt die Stellung des Faches in der Schulgemeinschaft.

 

Die Projekte im Forschungsfonds Kulturelle Bildung
Im Forschungsfonds Kulturelle Bildung werden von 2018 bis 2021 vier Projekte mit insgesamt rund 1,3 Mio. Euro gefördert. Die interdisziplinären Projekte gehen der Frage nach, wie Angebote Kultureller Bildung in der Schule sowie in der Fort- und Weiterbildung angehender Führungskräfte beschaffen sein müssen, um Persönlichkeitsentwicklung, Teilhabe und Good Leadership zu befördern. Beteiligt sind Projektteams der Frankfurt University of Applied Sciences, der Hochschule für Musik Mainz, der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover, der Universität Bremen und der Universität Göttingen.
Gefördert wird das Vorhaben durch die Stiftung Mercator und die Karl Schlecht Stiftung. Der Forschungsfonds war 2015-2017 mit einer ersten Laufzeit und sechs Projekten über die Wirkungen Kultureller Bildung gestartet.

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