08.09.2016

Bedürfnisse der anderen Disziplinen muss man aushalten können

Essen, 8. September 2016. Empirische Forschung im Bereich der Kulturellen Bildung ist eine junge, aber zukunftsträchtige Disziplin. Nicht nur die Zahl der Veröffentlichungen steigt jährlich an, sondern auch die Zahl der Akteure, Netzwerke und Institutionen in diesem Feld. Die Bedeutung finanzieller Förderung nicht nur aus öffentlichen Mitteln gewinnt dabei immer größere Bedeutung, etwa die Unterstützung durch Drittmittel aus der Wirtschaft oder durch Mittel privater Stiftungen. Ein Beispiel dafür ist der „Forschungsfonds Kulturelle Bildung. Studien zu den Wirkungen Kultureller Bildung“, ein Projekt vom Rat für Kulturelle Bildung e.V. (Essen), gefördert durch die Stiftung Mercator. Anfang 2015 haben die aus dem Fonds geförderten Projekte ihre Arbeit aufgenommen; sechs empirische Forschungsprojekte im Bereich der Kulturellen Bildung werden bis Mitte 2017 mit insgesamt rund 1,2 Millionen Euro gefördert.

Forschungsfonds Kulturelle Bildung: Zwischenfazit der beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im zweiten Jahr der Laufzeit

Rund 30 Forscherinnen und Forscher an zehn Hochschulen und zwei weiteren Forschungsinstituten sind an den sechs interdisziplinären Forschungsprojekten beteiligt. Die Forschungsteams haben nach einer Ausschreibung und einem kompetitiven Auswahlverfahren (double-blind review) für zwei Jahre die Möglichkeit, empirische Wirkungsforschung zur Kulturellen Bildung durch quasi-experimentelle Forschungsdesigns bundesweit voranzutreiben. Das Wissen über die Wirkungen Kultureller Bildung soll durch empirische Befunde erweitert und die spezifische Bedeutung Kultureller Bildung im Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit stärker als Teil der Allgemeinbildung verankert werden.

Über die Zusammenarbeit im Forschungsfonds Kulturelle Bildung berichten sechs der 30 Forscherinnen und Forscher auf Fragen zum aktuellen Stand ihrer Studien:

Frage: Frau Eiglsperger, Ihr Team an der Universität Regensburg setzt das computergestützte Eye-Tracking-Verfahren ein, um Künstlerinnen und Künstler, Semiexpertinnen und Semiexperten sowie Novizinnen und Novizen bei ihrer Betrachtung von Skulpturen zu beobachten und das Blickverhalten anschließend statistisch dahingehend auszuwerten, ob sich die drei Gruppen darin unterscheiden. Gibt es bereits erste Ergebnisse?

Prof. Dr. Birgit Eiglsperger: Wir befinden uns derzeit mitten in den Datenerhebungen, daher ist es noch nicht möglich, gesicherte Ergebnisse vorzustellen. Vorläufige Auswertungen deuten jedoch bereits darauf hin, dass sich teilweise die „areas of interest“ bei den verschiedenen Expertisegruppen unterscheiden. Das bedeutet, dass für die Probandinnen und Probanden unterschiedliche Stellen der gezeigten Vorlage interessant sind und vermehrt betrachtet werden. Inwieweit signifikante Gruppenunterschiede existieren, muss nach Abschluss der Datenerhebung detailliert geprüft werden.

Frage: Hochtechnisierte Apparaturen, um ästhetischen Prozessen auf die Spur zu kommen: Ist das die Zukunft?

Prof. Dr. Birgit Eiglsperger: Eye Tracking ermöglicht uns, einige Aspekte der Wahrnehmung genauer zu analysieren. Eye Tracking ist ein gutes Instrument, um zu untersuchen, inwieweit sich Expertisegruppen hinsichtlich ihrer Blickorte und ihrer Blickdauer unterscheiden, und zwar sowohl im zwei- als auch im dreidimensionalen Bereich. Damit gewinnen wir genauere Kenntnis der Prozesse differenzierter Wahrnehmung von Künstlerinnen und Künstlern. Um freilich die bildnerischen Prozesse als Gesamtes noch besser verstehen zu können, werden andere Methoden zusätzlich benötigt, beispielweise Interviews, Beobachtungen oder historiometrische Analysen. Aus diesem Grund ist der Eye Tracker ein wichtiges und unverzichtbares Mittel für manche Forschungsinteressen im bildnerischen Bereich, aber dennoch nur ein kleiner Teil unserer Forschung. Die sinnvolle Kombination der Methoden haben wir bei unserem Streben nach tragfähigen Ergebnissen immer im Blick.

Frage: Herr Thole, zusammen mit Kolleginnen und Kollegen der Philipps-Universität Marburg untersuchen Sie bei sich an der Universität Kassel „Bildungsprozesse in der kulturellen Kinder- und Jugendarbeit.“ Können Sie uns die Fragen, mit denen Sie sich in dem Forschungsvorhaben beschäftigen, genauer erläutern?

Prof. Dr. Werner Thole: In dem an der Universität Kassel und der Philipps-Universität Marburg realisierten Forschungsvorhaben werden die Möglichkeiten, die Angebote der Jugendkunstschulen und kulturpädagogische Projekte Kindern und Jugendlichen bieten, Bildung zu erwerben, untersucht. Dabei verwenden wir sowohl quantitativ wie auch qualitativ erhobene Daten. Über das Forschungsvorhaben werden vor allem Befunde zu der Frage erwartet, ob Kinder und Jugendliche aufgrund ihrer Teilnahme an Angeboten und Projekten der Kulturellen Bildung von Jugendkunstschulen und kulturpädagogischen Projekten ihr Wissen und Können erweitern und ob über diese Angebote eine Entwicklung der ästhetischen Selbstwahrnehmung und der personalen Selbstwirksamkeit sowie auch eine Erweiterung des kulturellen Möglichkeitsraums zu beobachten ist.

Frage: Was – außer den relevanten Drittmitteln – trägt der Forschungsfonds Kulturelle Bildung zusätzlich zum Gelingen Ihrer Projekte bei?

Prof. Dr. Werner Thole: Der Forschungsfonds Kulturelle Bildung des Stiftungsverbunds Rat für Kulturelle Bildung e.V. fördert erstens die Etablierung einer auf kulturelle Dimensionen bezogenen Forschungslandschaft, also einer Forschungslandschaft, die bislang in dieser Form nicht existierte, und zweitens den Austausch zwischen den geförderten Forschungsprojekten. Drittens unterstützt der Forschungsfonds Kulturelle Bildung die einzelnen Projekte bei der Publikation und öffentlichen Kommunikation der erzielten Befunde. Insgesamt wird damit den Projekten so eine stärkere öffentliche Sichtbarkeit und Wahrnehmung ermöglicht. Hierüber, so die Hoffnung, wird damit das Feld der schulischen wie nicht-schulischen kulturell-ästhetischen Bildung als ein bedeutsames und relevantes Forschungsfeld anerkannt.

Frage: Frau Henschel, mit zwei Instituten der HU Berlin, der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg treffen gleich drei Universitäten in Ihrem Projekt LisE, „Literarisch stimulierte Emotionalität“, zusammen. Was sind trotz digitaler Kommunikation die größten Hürden bei gemeinsamer Forschung an verschiedenen Standorten?

Dr. Sofie Henschel: Gemeinsame Termine für Projektgruppentreffen zu finden, ist aufgrund der multizentrischen Verteilung der Forschungsinstitutionen tatsächlich schwierig. Wir nutzen deshalb unter anderem die zentralen Veranstaltungen des Forschungsfonds, um Projekttreffen daran anzukoppeln und weichen ansonsten zum Beispiel regelmäßig auf Telefonkonferenzen aus. Die eigentlichen Herausforderungen bringen auch eher die disziplinären Perspektiven auf das interdisziplinäre Forschungsvorhaben mit sich, die bei der Konzeption, Durchführung und Auswertung der Studie in Einklang gebracht werden müssen. Bedürfnisse der anderen Disziplin muss man dabei „aushalten“ können, das heißt respektieren und akzeptieren, auch wenn sie mit der eigenen Disziplin oder dem Forschungsmainstream nicht so gut vereinbar sind beziehungsweise dem sogar entgegenstehen.

Frage: Können Sie uns ein Beispiel dazu aus der alltäglichen Praxis nennen?

Dr. Sofie Henschel: Zum Beispiel gibt es in der Deutsch- und Literaturdidaktik die Tendenz, den wissenschaftlichen Erklärungsgehalt zu maximieren und theoretische Modelle mit Variablen zu überladen, während in der pädagogischen Psychologie und in der Psychologie generell eher Modellvorstellungen dominieren, die so komplex wie nötig und so einfach wie möglich sind, um sie operationalisierbar und damit empirisch überprüfbar zu machen. Man muss hier also immer einen Kompromiss finden, der für beide Disziplinen vertretbar und gleichzeitig noch realisierbar ist, um die Forschungsfragen beantworten zu können. Und hier bin ich sehr froh, dass wir im LisE-Projekt mit zwei Literaturdidaktikern zusammenarbeiten, die aus meiner Sicht hervorragend empirisch denken und arbeiten. Gemeinsam haben wir in dieser Projektkonstellation schon ein paar sehr wertvolle Erfahrungen in dem Vorgängerprojekt „Literarästhetische Urteilskompetenz (LUK)“ gesammelt, die sich jetzt auszahlen. Über die Herausforderungen und Gelingensbedingungen interdisziplinärer Zusammenarbeit zwischen Fachdidaktik und empirischen Bildungswissenschaften haben wir kürzlich auch einen Beitrag geschrieben, der demnächst erscheint . Der Beitrag verdeutlicht die Höhen und Tiefen interdisziplinärer Zusammenarbeit noch mal ganz gut.

Frage: Im Forschungsprojekt KuBiK5 untersuchen Sie gemeinsam mit Forschern der Universität Kassel – Dr. Caroline Theurer und Prof. Dr. Frank Lipowsky – die „Wirkungen kultureller Bildung auf die Kreativität im fünften Schuljahr“. Wie erfassen Sie Kulturelle Bildung im Projekt?

Jun.-Prof. Dr. Nicole Berner: Wir erfassen über einen Schülerfragebogen kulturelle Bildungsangebote, die die Schülerinnen und Schüler wahrnehmen. Unser Ziel ist es dabei, einen möglichst umfassenden Einblick in die von den Schülerinnen und Schülern tatsächlich wahrgenommenen kulturellen Bildungsangebote zu erhalten. Dabei differenzieren wir nach schulischen und außerschulischen wahrgenommenen Angeboten sowie informellen Bildungsaktivitäten der Kinder, wie zum Beispiel das Singen in einer Band. Wir versuchen also in den verschiedenen Sparten Kultureller Bildung ebenso wie in den unterschiedlichen Bildungsbereichen von Kindern Kulturelle Bildung zu erfassen. Dabei erachten wir es als wichtig, nicht nur nach der Intensität der wahrgenommenen Angebote zu fragen, sondern auch nach den subjektiven Wertungen des Angebots hinsichtlich Freude und Herausforderungsgrad. Wir möchten bezüglich einer möglichen Wirkung auf die Kreativitätsentwicklung prüfen, inwiefern sich Aktivitäten in verschiedenen Sparten und Bereichen gegenseitig verstärken können. Also, ob es beispielsweise darauf ankommt, möglichst vielfältige Angebote zu nutzen oder ob es besser für die Kreativitätsentwicklung ist, in einer Sparte möglichst aktiv zu sein. Letztlich ist aber anzunehmen, dass es weniger nur ein einziges Merkmal ist, das eine positive Kreativitätsentwicklung ausmacht, sondern mehr ein Zusammenspiel verschiedener Aspekte. Uns geht es also auch um die Erforschung von Wirkzusammenhängen, um daraus letztlich für die Praxis Empfehlungen ableiten zu können.

Frage: Wodurch zeichnet sich die Studie aus, insbesondere im Vergleich zu bisherigen Studien zur Kreativitätsentwicklung?

Jun.-Prof. Dr. Nicole Berner: In erster Linie dadurch, dass wir Kulturelle Bildung differenziert erfassen und dass wir neben der Intensität der wahrgenommenen Angebote bei den Schülerinnen und Schülern auch die subjektiv erlebte Beanspruchung und die subjektiv empfundene Freude erfragen. Zudem erheben wir Kreativität mit verschiedenen Testverfahren im Längsschnitt über das fünfte Schuljahr hinweg. Auch diesbezüglich gibt es erstaunlicherweise wenige Studien. Neben der Kreativität erfassen wir zudem auch familiäre und personale Schülermerkmale, wie zum Beispiel das Interesse oder das Fähigkeitsselbstkonzept in den verschiedenen Sparten, um eben auch indirekte Wirkungszusammenhänge prüfen zu können. So wäre beispielsweise mit Bezug auf die Forschung zur bereichsspezifischen Kreativität anzunehmen, dass sich Bildungsangebote dann günstiger auf die Kreativitätsentwicklung auswirken, wenn durch sie auch das Fähigkeitsselbstkonzept gestärkt wird. Da das Elternhaus für das Kulturinteresse von entscheidender Bedeutung ist, erfragen wir anhand eines Elternfragebogens auch familiäre Merkmale, etwa den elterlichen Bezug zur Kulturellen Bildung und den familiären Bildungshintergrund.

Frage: Herr Schroeder, das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung ist eine international beachtete Einrichtung im Bereich der Grundlagenforschung. Aktuell beschäftigen Sie sich mit Transfereffekten musikalischer Frühförderung auf Kognition und Leseentwicklung. Die tatsächliche Größenordnung von Transfereffekten Kultureller Bildung ist spätestens seit der Bastian-Studie stark umstritten. Was reizt Sie als Wirkungsforscher an dem – durchaus von Mythen durchwobenen – Themenfeld Kultureller Bildung?

PD Dr. Sascha Schroeder: Ja, die Bastian-Studie hat gerade in Deutschland viel Aufsehen erregt, ist aber auch durchaus sehr kritisch diskutiert worden. Wenn man sich das Forschungsfeld jedoch einmal aus internationaler Perspektive ansieht, dann lässt sich schon festhalten, dass es stabile Evidenz für Transfereffekte von Musik auf andere Fähigkeitsbereiche gibt, und zwar nicht nur aus Zusammenhangsstudien (bei denen immer unklar ist, ob der Zusammenhang nicht durch andere Faktoren wie zum Beispiel den sozialen Hintergrund bedingt wird), sondern auch aus experimentellen Trainingsstudien. Allerdings liegt die Stärke der Effekte eher im kleinen bis mittleren Bereich – von daher sind Vorstellungen von der Allmacht der Musik, die gerade in den Medien immer wieder verbreitet werden, eher skeptisch zu beurteilen. Darüber hinaus ist bislang noch vollkommen ungeklärt, welche Fähigkeitsbereiche genau von Musik beeinflusst werden und warum das so ist. Die meisten Studien sehen sich immer nur einzelne Bereiche an und bedienen sich sehr unterschiedlicher Verfahren. Im Gegensatz zu den meisten bisherigen Studien wollen wir die Wirkung von Musik systematisch erfassen, um damit die Frage zu klären, welche Mechanismen denn genau für ihre Wirkung verantwortlich sind. Zum Beispiel wird häufig davon ausgegangen, dass Transfereffekte auf das Lesen vor allem durch eine Verbesserung der Hörwahrnehmung der Kinder verursacht werden. Das hat ja auch Sinn, da man, um sicher Lesen und Schreiben lernen zu können, zunächst einmal die verschiedenen sprachlichen Laute auseinanderhalten muss. Andere Ansätze gehen hingegen davon aus, dass solche Effekte durch die Schulung allgemeinerer Fähigkeiten vermittelt werden. Musizieren ist ja eine sehr komplexe Tätigkeit, die unter anderem vorausschauendes Denken, Aufmerksamkeit und Merkfähigkeit voraussetzt. Eine Stärke unserer Studie ist, dass wir hier eine integrative Perspektive haben und verschiedene Erklärungsansätze empirisch abklopfen wollen. Deswegen verwenden wir Aufgaben, die unterschiedlichste Bereiche abdecken und zusammenführen.

Frage: Das hört sich sehr kompliziert an. Ist es schwierig, die Ziele und das Vorgehen Ihres Projekts im Alltag zu kommunizieren?

PD Dr. Sascha Schroeder: Sie haben vollkommen recht, dass die Planung und Durchführung eines solchen Vorhabens sehr anspruchsvoll ist. Das gilt besonders für die Vermittlung der notwendigen methodischen Rahmenbedingungen, die sich nicht immer problemlos mit dem Kindergarten-Alltag vereinbaren lassen. An unserer Studie nehmen insgesamt 15 Kindergärten, 30 Kita-Gruppen und über 200 Kinder teil, die sehr unterschiedlich sind und an verschiedene Rahmenbedingungen gewöhnt sind. Hier ist es nicht immer einfach, wenn wir als Forscherinnen und Forscher mit unserer auf Vergleichbarkeit und Auswertbarkeit angelegten Herangehensweise ankommen und zunächst einmal auf ganz andere Probleme stoßen: Zum Beispiel ist es leider bei Weitem keine Selbstverständlichkeit, in einem Kindergarten einen Raum zu bekommen, in dem man zweimal in der Woche mit Kindern ungestört musizieren kann. In unseren Gesprächen mit Erzieherinnen und Erziehern haben wir hier allerdings viele positive Erfahrungen gemacht: Wenn man genau erklären kann, warum bestimmte Dinge so gemacht werden müssen, waren die Reaktionen sehr offen und unterstützend. Die Kooperationsbereitschaft der Kitas hat uns wirklich überrascht und auch die Kinder und Eltern sind mit großem Engagement dabei. Ähnliche Reaktionen haben wir auch auf wissenschaftlichen Tagungen und bei Veranstaltungen bekommen, die eine breite Öffentlichkeit ansprechen. Es freut uns sehr, dass das Thema die Menschen interessiert und viele die anwendungsbezogene Ausrichtung unserer Studie schätzen.

Frage: Herr Prof. Dr. Stern. Der Ausbau der Ganztagsgrundschulen ist deutschlandweit in aller Munde und damit auch die Gestaltung der Angebote Kultureller Bildung dort. An Ihrer Längsschnittstudie sind gleich vier Hochschulen beteiligt. Warum fiel die Entscheidung auf Tanz und Bewegungstheater in Ganztagsgrundschulen als Untersuchungsgegenstand?

Prof. Dr. Martin Stern: Die Auswahl dieser Felder für unsere Studie ist von mehreren Überlegungen getragen: Tanz und Bewegungstheater bilden Felder, die einen hohen Alltagsbezug für die Schülerinnen und Schüler besitzen, was Einfluss auf die Motivation und ein potentielles Öffnen der Kinder für weiterführende Freizeitaktivitäten haben kann. Die Ganztagsschule haben wir gewählt, weil wir hier viele Kinder ansprechen, gerade auch aus bildungsbenachteiligten Schichten, die wir sonst mit kulturellen Angeboten weniger gut erreichen. Und schließlich bieten Tanz und Theater hervorragende Möglichkeiten, gestalterisch, experimentell und improvisatorisch mit den Kindern zu arbeiten: Entscheidend sind hier didaktisch-methodische Vermittlungsweisen, die die Teilnehmerinnen und Teilnehmer einerseits da abholen, wo sie sind, also beispielsweise vertraute Alltagsmotoriken wie Gehen, Laufen, Springen und ähnliches als Ausgangsmaterial nutzen und anderseits diese in künstlerischen Gestaltungsprozessen bearbeiten, variieren und neu gestalten. Die Förderung von Kreativität, emotionaler Kompetenz und weiteren Persönlichkeitsmerkmalen (Selbstkonzept) setzt eine aktive Beteiligung aller Schülerinnen und Schüler voraus, bei der diese ihre individuellen Möglichkeiten kennenlernen und an den sowie mit den Anderen wachsen können.

Frage: Mindestens zwei, zum Teil mehrere Messzeitpunkte sind das Wesen von Längsschnittstudien. Bei 250 Schülerinnen und Schülern sind bestimmt auch Herausforderungen an die Konsistenz der Stichprobe zu meistern, etwa, wenn einige der Probanden während der dreimonatigen Beobachtungsphase nicht weiter teilnehmen können. Wie aber bewältigt man diese und weitere Fragen über vier Standorte beteiligter Hochschulen hinweg?

Prof. Dr. Martin Stern: Sie haben vollkommen Recht, Fragen der Konsistenz von Stichproben ebenso wie solche der pädagogischen Intervention haben sich auch uns in der Vorbereitung der Studie gestellt. Wir begegnen diesen dadurch, dass wir die pädagogischen Interventionen auf der Grundlage eines Konzeptes gestalten, das wir im Vorfeld und unter Beteiligung von berufserfahrenen Tanzpädagoginnen und –pädagogen entwickelt haben. Dieses Konzept wurde dann im Rahmen von Fortbildungsmaßnahmen den AG-Leiterinnen und -leitern unserer pädagogischen Interventionen vermittelt, diskutiert und unter Einbezug der feldspezifischen Kompetenzen aller Tanzschaffenden angepasst. Für die Untersuchungen der Studie haben wir uns für einen Standort entschieden, der für unsere Fragestellungen sehr gut geeignet ist: Wir fragen nach den Wirkungen unseres künstlerisch-pädagogischen Konzeptes von Tanz- und Bewegungstheater auf Kreativität, emotionale Kompetenz und Selbstkonzept und wollen untersuchen, inwieweit diese Interventionen besondere Wirkungen auf Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus sozial benachteiligten Milieus zeigen. Tatsächlich ist die Konsistenz der Stichprobe eine Herausforderung. Wir begegnen ihr zum einen mit einer vergleichsweise großen Stichprobe mit rund 150 Kindern in der Interventions- und 90 Kindern in der Kontrollgruppe. Zudem haben wir den Schwerpunkt auf das dritte Schuljahr gelegt, sodass wir die meisten Kinder im follow-up im Herbst noch an derselben Schule antreffen können. Darüber hinaus haben wir Schulleitungen, Lehrkräfte und Eltern ausführlich informiert – viele Schulen sind stolz darauf, bei einem Projekt zur Kulturellen Bildung mitwirken zu können. So erfahren wir auch von dieser Seite viel Unterstützung. Wir hoffen, den drop-out auf diese Weise möglichst gering halten zu können.

Frage: Eine Frage an die Projektleitung beim Stiftungsverbund Rat für Kulturelle Bildung e.V., Herrn Konietzko: Wann etwa können wir mit umfangreicheren Ergebnissen aus den Projekten des Forschungsfonds Kulturelle Bildung rechnen?

Sebastian Konietzko: Erste Zwischenergebnisse konnten die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen der vom Forschungsfonds geförderten Projekte bereits auf dem Kongress der Gesellschaft für empirische Bildungsforschung im Februar 2016 in Berlin einer interdisziplinären Fachöffentlichkeit präsentieren. Umfangreiche Forschungsergebnisse können wir dann Mitte 2017 erwarten. Neben den wissenschaftlichen Einzelpublikationen der Forscherinnen und Forscher ist eine gemeinsame Publikation geplant, die die interdisziplinären Ergebnisse bündelt und sowohl den Mehrwert der Erkenntnisse als auch neue Forschungsfragen aufzeigen soll. Darüber hinaus werden die Ergebnisse der sechs Projekte im Forschungsfonds Kulturelle Bildung im Rahmen einer Abschlussveranstaltung der Öffentlichkeit vorgestellt.

Frage: Frau Lichtschlag, wie bewerten Sie als geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Stiftungsverbunds die Entwicklungen des Projekts Forschungsfonds?

Margrit Lichtschlag: Wir blicken überaus positiv auf den bisherigen Verlauf des Projekts, da nicht nur erkenntniserweiternde Forschungsergebnisse von den einzelnen Forscherteams zu erwarten sind, sondern weil sich in ihnen zeigt, wie konstruktive interdisziplinäre Zusammenarbeit gelingen kann. Im Zusammenwirken mit der bereits bestehenden Forschungslandschaft kann der Stiftungsverbund Rat für Kulturelle Bildung e.V. hier einen Beitrag für eine wissenschaftlich fundierte Argumentation zur Kulturellen Bildung und ihren Wirkungen leisten.

Mehr Informationen über den Forschungsfonds Kulturelle Bildung und die einzelnen Projekte